Mittsommer im Salbeigarten (Salbeigarten Teil 2)

Der Waldmeister hat zum ersten Mal seit Jahren nicht den ganzen Salbeigarten mit seinen weißen Sternen überzogen. Was geht hier vor? Welche Mächte ziehen hier die Fäden? Natürlich sind hier Mächte am Werk. Natürlich sind sie dunkel. Sonst gäbe es ja eine Lösung.

Ist es nicht wunderbar, wenn finstere Mächte für etwas verantwortlich sind? Ich selbst bin dann so herrlich machtlos und kann mich auf Schimpfen und Zetern konzentrieren anstatt am Ende noch aktiv an einer Lösung mitarbeiten zu müssen. Ich bin immer für Veränderungen. Immer, nur nicht bei mir. Mit meinem eigenen Handeln hat weder das Verschwinden des Waldmeisters noch sonst irgendetwas zu tun. Ich selbst bin nie für etwas verantwortlich. Nicht wahr, so ist es doch? Sag jetzt endlich, dass es so ist! Ich weiß doch längst, wer hinter all diesen Veränderungen steckt. Obi-Wan Kenobi. Er war es! Mit seinem Lichtschwert hat er die hilflosen weißen Waldsterne vertrieben.

Während ich noch Obi-Wan Kenobi für das Vertrocknen des Waldmeisters und den Klimawandel verantwortlich mache, hat sich im Norden des Salbeigartens ein waldhoher Farn festgesetzt. Zu seinen Füßen die Igelhöhle. Vor Jahren als Neubau der Igelwelt zur Verfügung gestellt. Wohlig ausgepolstert. Regengeschützt. Leider ohne Kamera mit Bewegungsmelder. So habe ich nie erfahren, wer dort eingezogen ist.

Aus der Wurzel des Apfelbaumes, einem zerbrochenen Pflanzkübel aus Ton und jährlich aufgeschichtetem Baumschnitt ist am Rande des Salbeigartens ein kleines Totholzrefugium mit Höhle entstanden. Wenn wirklich ein Igel dort wohnte, hätte ich ihn wohl schon bemerkt. Stattdessen werden viele kleine Krabbeltiere in dieser Vielfalt aus zerfallendem Holz, feuchtem Schatten und höhligen Rückzugsorten leben. Ein Flecken Wildnis zwischen Gartenhaus und Kräutern.

Von den Lampionblumen ist Ende Mai immer noch kaum etwas zu sehen. Die Akeleien sind dagegen früh dran in diesem Jahr, und beginnen bereits zu verblühen. In den vergangenen Jahren waren die Akeleien eine feste Station bei der Wanderung der Elfenprinzessinnen nach Norden. Zu Mittsommer wollen sie an ihrem Fjord sein. Anfang Juni ziehen sie am Salbeigarten vorbei und nutzen die Gelegenheit sich für das letzte Stück des Weges neu einzukleiden. Die Akeleien geben vortreffliche Hüte ab. Aus Salbeiblättern werden robuste Reisemäntel geschneidert und Pfefferminze wandert büschelweise als Vorrat in die Reisetaschen.

Aber nun ist die Auswahl an Akeleien kaum der Rede wert. Alles nur in dunkelblau. Das geht so gar nicht. Dunkelblau ist an sich kein Fehler, aber es muss eben Auswahl an Farben und Formen geben. Was ist aus den rotgestreiften, den dunkelroten und den fast-weißen Akeleien geworden? Anstatt zartflügeliger Eleganz streiten die Elfen sich wie die Kesselflicker um die schönsten Akeleien, bevor sie zeternd weiterziehen.

Nicht nur die Raunächte öffnen die Tore zu Anderswelt. An Mittsommer ist dies ganz ähnlich. Nicht die geheimnisvolle Dunkelheit weist den Weg. An Mittsommer ist es die endlose Helligkeit. Ist es nun Tag oder Nacht? Die Übergänge verschwinden und mit ihnen die Frage nach Traum oder Wirklichkeit.


Salbeigarten Teil 1: Vorhang auf für den Salbeigarten

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