Autobahngarten

Gut versorgt mit Teekanne und Butterbroten halte ich auf einer langen Fahrt quer durch Deutschland an irgendeinem Autobahnparkplatz an. Um die Beliebigkeit des Ortes auszudrücken, wollte ich zuerst „namenlosen Autobahnparkplatz“ sagen, aber mir fällt ein, dass die Parkplätze tatsächlich alle einen Namen haben!

Ich laufe also auf dem Parkplatz, dessen Namen ich mir nicht gemerkt habe, mit meinem Butterbrot in der Hand auf und ab, kehre ab und an ein den Tisch auf dem meine Teetasse steht zurück, um zu prüfen, ob er schon etwas abgekühlt ist. Bei jeder dieser Schleifen fällt mir ein anderes Kraut auf. Ich bin völlig überrascht, was sich auf diesem vernachlässigten Grünstreifen alles findet. Die Arbeit der Autobahnmeisterei in allen Ehren, doch ich gehe davon aus, dass die Pflege von Autobahnparkplätzen sich auf das Mähen der Grünfläche beschränkt. Da wird sich niemand darum sorgen, ob die Malve auch im Frühsommer eine Stütze bekommt. Schließlich fange ich an, mir aufzuschreiben, was hier alles wächst. Da kommt eine halbe Apotheke zusammen und satt würde man auch werden, mit dem was hier an Salat und Gemüse wächst.

Löwenzahn. Ok, also ich sag‘ mal Löwenzahn, der wächst ja irgendwie überall. Das stimmt natürlich und trotzdem ist es ja eine tolle Pflanze. Ich kann ihn als Salat essen und die Bitterstoffe regen die Verdauung an.

Spitzwegerich. Wenn ich das Autan mal vergessen habe, zerquetsche ich mir eben ein Blatt Spitzwegerich. Die Blätter sind sehr stabil, daher ist das Zerquetschen mit etwas Mühe verbunden, aber die Wirkung gegen Mückenstiche habe ich bereits mehrfach erprobt und bin jedes Mal wieder überrascht.

Gundermann. Mit Gundermann habe ich es jetzt nicht so arg, aber man kann ihn wenigstens essen.

Schafgarbe. Bei der Schafgarbe fällt mir als erstes die Verdauung ein. Im typischen Magenbitter ist gerne mal Schafgarbe drin. Früher wurde sie statt Hopfen zum Bierbrauen benutzt.

Melde. Schon die dritte Salatpflanze. So langsam lässt sich hier ein Salatbuffet eröffnen. Die typische Verwendung für Melde ist zwar eher dem gekochten Spinat vergleichbar, aber sie lässt sich auch roh essen.

Wiesenlabkraut. Die Stängel können verwendet werden, um aus frischer Milch (also Milch vom Bauern, keine behandelte „Frischmilch“ aus dem Supermarkt) Buttermilch herzustellen. So lange will ich hier nicht bleiben, aber trotzdem gut zu wissen, was hier so alles wächst.

Malve. Malventee ist der einzige „Tee“, der mir spontan einfällt, der aus kaltem Wasser zubereitet wird. Von daher ist Malventee einerseits natürlich falsch, aber irgendwie doch verständlicher als Mazerat, was die richtige Bezeichnung dafür ist. Malve enthält sogenannte Schleimstoffe und ist damit gut gegen festsitzenden Husten. Diese Substanzen müssen mit kaltem Wasser aus den Malvenblüten extrahiert werden.

Brennnessel. Durch ihr abschreckendes Brennen habe ich mich bisher sehr zurückgehalten, was die eigene Verwendung von Brennnessel angeht. Ich weiß, dass man sie als Gemüse kochen kann und ein Tee (jetzt wieder heißes Wasser :-) ) aus den getrockneten Blättern wird bei Nieren- und Blasenbeschwerden verwendet.

Mit ausführlicheren Kenntnissen zur Pflanzenbestimmung, würde sich hier wahrscheinlich noch mehr finden. Was ist zum Beispiel das Gezackte, das so ähnlich aussieht wie Gänsefingerkraut? Oder die breiten langen Blätter, bei denen ich im eigenen Garten immer vermute, dass es Meerrettich ist? Auch wenn ich an diesem Ort nun nicht unbedingt meinen Salat pflücken möchte, so bin ich doch beeindruckt, wie viele nützliche Pflanzen direkt in meiner unmittelbaren Nähe wachsen. Ganz ohne Öffnungszeiten von Apotheke und Supermarkt lässt sich damit satt und gesund werden. Vieles von dem, was ich hier sehe, findet sich auch in meinem Garten oder an anderen Stellen, an denen ich Pflanzen sammeln würde. Ein bisschen ungewohnt ist es sicherlich, einfach so irgendwelche Blätter abzurupfen, die man weder selbst ausgesät hat noch für die man bezahlen muss. Doch es sind ja nicht irgendwelche Blätter, sondern nur die, die ich sicher kenne und die nur in der Menge, die ich wirklich brauche. Also, mehr Mut, dem eigenen Wissen zu trauen und nicht darauf zu warten, dass ein Supermarkt einen Aufkleber ans Regal macht, damit ich glaube, dass der Wildkräutersalat auch wirklich essbar ist.

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