Künstlergarten (4): Hermann Hesse in Gaienhofen am Bodensee (Buchvorstellung)

Für einige Jahre wohnte Hermann Hesse mit seiner Frau Mia in Gaienhofen am Bodensee. Nach den ersten Jahren im gemieteten Bauernhaus ließen sie sich ein eigenes Haus am Dorfrand bauen. Hermann Hesse legte dazu einen weitläufigen Garten an. Nach dem Umzug der Familie Hesse nach Bern (1912), wurden Haus und Garten zunächst über viele Jahre gepflegt und erhalten. Ab circa 1990 verfielen und überwucherten Haus und Garten zusehends bis das Gelände 2003 von Eva Eberwein und ihrem Mann erworben wurde. In ihrem Buch „Der Garten von Hermann Hesse“ beschreibt Eva Eberwein ihren Weg bei der Rettung von Haus und Garten.

Wie kann es sein, dass ein solches Haus, ein solcher Garten in Vergessenheit gerät und nur durch das beherzte Eingreifen einer einzelnen Privatperson gerettet wird? Hesse ist nicht irgendwer. Hesses Bücher werden noch heute gelesen. Verschiedene Archive hüten den Staub auf seinen Briefen, damit einige wenige Wissenschaftler sie lesen und bewerten können. Aber das für jedermann erlebbare Haus des Nobelpreisträgers verfällt und wird um Haaresbreite vor Abriss und Überbauung mit Reihenhäusern gerettet? Schon allein diese Ausgangslage macht mich dankbar für das Buch von Eva Eberwein. Ganz abgesehen von der Arbeit, die sie zuerst in Haus und Garten und danach in das Schreiben des Buches investiert hat.

Irgendwie schienen das Haus mit Garten und ich aufeinander gewartet zu haben und ließen sich von mir willig an die Hand nehmen. Wochenlang tat ich nichts anderes, als sie kennenzulernen.

Das ist es wohl, was oft „seine Berufung finden“ genannt wird. Berufung, ein schicksalhaft schweres Wort. Eher eine Abschreckung denn eine Sehnsucht. Und doch ist es genau diese Sehnsucht, die uns treibt, das zu finden, was wirklich zu uns gehört. Das zu entdecken, was immer schon da war. Und doch suchen wir meist das halbe Leben danach. Jede Zeile ihres Buches macht deutlich, dass Eva Eberwein an ihrem Sehnsuchtsort angekommen ist.


Die Autorin geht mit dem jungen Ehepaar Hesse in das Jahr 1904 zurück. In die Jahre vor dem Bau des Hauses. Sie beginnt dort und zeigt, wie sich die Puzzleteile aus den Lebensgeschichten von Hermann Hesse und seiner Frau Mia Bernoulli sowie der Stimmung des neuen Jahrhunderts (vor allem der sogenannten Lebensreformbewegung) zu einem Ganzen zusammensetzen. Dies ist eine der zahlreichen Stärken des Buches. Eva Eberwein sucht und findet die großen Zusammenhänge.

Da waren sie nun. Im Sommer 1904 zogen sie nach Gaienhofen, um an diesem wundervollen Ort das Schöne und Würdevolle in der täglichen Arbeit zu erleben, im Großen und im Kleinen. (…) Und aus allem eine Anregung für die eigene Entfaltung abzuleiten, sei es für die Schriftstellerei des Hermann Hesse, sei es für die Fotografien von Mia.

Eva Eberwein spaziert in ihrem Buch durch die verschiedenen Bereiche des Gartens. Jedem Bereich entlockt sie neue Details. Sie kombiniert den von Hermann Hesse geplanten Garten mit dem Wissen und dem Denken der damaligen Zeit und schlägt gekonnt einen Bogen ins Heute, zu dem, wie sie den Garten erlebt. Manche der von ihr vorgestellten Gartenbereiche wären mir bei der Besichtigung des Gartens zwar ebenfalls aufgefallen, aber ich hätte die besondere Bedeutung nicht erkannt. Beim Lesen des Buches fragte ich mich zuerst, weshalb es ein ganzes Kapitel „Eingangstor“ oder „Birnbaum“ gibt. Am Ende gerade dieser beiden Kapitel zeigt sich, wie umsichtig Hermann Hesse den Garten angelegt hat.

Und was zeigt sich nun? Hm, ich will hier nicht Frau Eberweins Buch komplett nacherzählen. Aber so viel sei gesagt, ein Eingangstor ist für einen wie Hermann Hesse, der auch mal für sich alleine sein will eine gute Sache. Vor allem wenn das Tor so geschickt angebracht ist, dass die Besucher zuerst um das ganze Anwesen herum laufen müssen. Der Birnbaum wiederum diente zur Kühlung in einer Zeit, als es noch keine Kühlschränke gab. Außerdem lassen sich die kleinen holzigen Birnen zu Most verarbeiten, obwohl es kein Williams Christ ist. Und im Winter wenn es von alleine kühl genug ist, wirft der Birnbaum seine Blätter ab und gibt der Küche möglichst viel der spärlichen Wintersonne. Dies sind nur zwei Beispiele, die deutlich machen, wie viel dieser Garten zu bieten hat.


Bei vielen der Fotos denke ich so etwas wie „Ach so hat Hesse das gemacht. Gelungene Idee!“. Das geht über ein paar Kapitel gut. So lange bis die Autorin mich von diesem Holzweg zurück in die reale Gartenwelt holt. Das, was in Gaienhofen heute zu sehen ist, ist natürlich nicht Hermann Hesses Garten aus dem Jahre 1910. Selbst wenn er immer noch dort wohnte, wäre der Garten heute nicht mehr wie damals. Jeder, der einmal im Garten ein Beet geplant und angelegt hat weiß, wie sehr sich der Garten von Jahr zu Jahr verändert. Pläne von 1910 können nachempfunden werden. Ideen, die Hesse bei der Anlage seines Gartens hatte, können sichtbar gemacht werden. Die Pflanzen sind, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, nicht die, die Hermann Hesse gepflanzt hat.

Als ich den Garten des Hermann-Hesse Hauses übernahm, war das Bild trostlos. Die seit Jahren unbearbeiteten Beete waren längst überwuchert. (…) In einem Haus misst sich der Verfall nach Jahrzehnten (…); in einem Garten läuft die Uhr schneller: Monate, manchmal Wochen reichen aus, um hier grundlegende Veränderungen im Bild zu schaffen, das sich dem Betrachter bietet.

So schnell der Verfall eines Gartens auch geschehen kann, umso länger braucht es um einen Garten so zu formen, wie man es eigentlich will.

Die Anlage eines guten stimmungsvollen Gartens ist ein Prozess des Werdens, es braucht Jahrzehnte der Zeit und Geduld, um langfristige Pläne in die Realität umzusetzen. Und gleichzeitig muss der Gärtner innerhalb eines Gartenjahres jeden Monat, ja fast schon wöchentlich Entscheidungen treffen: Welche Einjährigen wird er in welches Beet pflanzen? Welche Fruchtfolgen will er im Gemüsebeet einhalten? So verändert sich ein Garten sowohl in Zeitlupen- als Zeitraffer-Geschwindigkeit.


Durch die Lektüre des Buches von Eva Eberwein bin ich tief eingetaucht in die Zeit Hermann Hesses. Weniger in seine Literatur, die kommt nur am Rande vor, dafür mehr in das Lebensgefühl am Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Gedanken der Lebensreformbewegung erkenne ich manchem vermeintlich aktuellen Trend wieder. Auch viel Gartenwissen lässt sich durch das Buch entdecken. Auf jeden Fall macht das Buch Lust darauf, den Garten selbst zu besuchen.

 

PS: Gärtner gleichen einander, trotz hunderten Kilometern Entfernung und einiger Jahrzehnte Abstand. Hesse kauft Land dazu, um einen unverbaubaren Blick auf den See zu haben. Das erinnert mich an Wordsworth und den Lake District. Der englische Dichter hat dort einen vollständig anderen Garten angelegt als Hermann Hesse. Aber in dem Wunsch, einen Blick auf den See zu haben ohne den eigenen Grund verlassen zu müssen waren sie sich einig.


Alle in kursiv gesetzten Textstellen sind Zitate aus: Eva Eberwein “ Von der Wiederentdeckung einer verlorenen Welt – Der Garten von Hermann Hesse“, Deutsche Verlagsanstalt 2017. Fotos: Ferdinand Graf von Luckner.

Künstlergarten (1): Beatrix Potters Hill Top Farm (Besuch September 2018)

Künstlergarten (2): William Wordsworths Garten in Rydal Mount (Besuch September 2018)

Künstlergarten (3): „Mrs. Dalloway“ und der Garten von Monk’s House (Buchvorstellung)

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