Künstlergarten (2): William Wordsworths Garten in Rydal Mount (September 2018)

Bei den Vorbereitungen für meine Lake District-Reise entdecke ich, dass William Wordworth (1770 – 1850) in Grasmere gelebt hat. Ich weiß nur, dass er ein ganz berühmter Dichter ist. Quasi der Goethe Englands. Aber sonst weiß ich nichts über ihn. Und nun lese ich, dass er in Grasmere gelebt hat, dass er einige Jahre in der Welt unterwegs war, dann aber vor Heimweh zurück in den Lake District gegangen ist. Außerdem war nicht nur einer der berühmtesten Dichter Englands, sondern auch noch ein begeisterter Gärtner. Na, wenn das keine Einladung ist, außer Beatrix Potters Hill Top Farm einen weiteren Garten zu besuchen!

Wordsworths berühmtestes Gedicht „I wandered lonely as a cloud“ (zu deutsch: Ich wanderte einsam wie die Wolke), oft nur „Daffodils“ (Narzissen) genannt, beschreibt eine Wanderung durch die Landschaft des Lake District. In meinem Wanderführer steht, noch heute würde jedes Kind in England dieses Gedicht in der Schule lernen.

Dove Cottage

Direkt nach meiner Ankunft im Lake District – die Hälfte des Gepäcks ist noch im Auto, nicht einmal ein frischer Tee ist gekocht – komme ich an dem Schild „Dove Cottage“ vorbei. „Hier hat Wordsworth gelebt“, denke ich. Ich schaue mir sofort das Cottage näher an. Zumindest von außen, es ist Abend und schon geschlossen. Auch einen Garten kann ich über das Eingangstor hinweg erkennen. Hm, das ist eher ein Gärtchen. Das ist also der berühmte der Garten des ebenso berühmten Dichters?

Später lese ich, dass Wordsworth dort einige Jahre gelebt hat und dann nach Rydal umgezogen ist. Es gibt also einen weiteren Garten und erst dieser zweite Garten ist der „berühmte“. Das soll mir als biografische Information ausreichen. Ich selbst bin über das Gärtnern zum Schreiben gekommen und bin gespannt darauf, wie der Garten aussieht, wenn auf dem umgekehrten Weg ein Schriftsteller zum Gärtner wird. Das ist es, was mich fasziniert. Und wenn der Garten schön ist, lese ich vielleicht auch einmal ein paar Gedichte von Wordsworth.

 Rydal Mount

Zwei Tage später mache ich mich dann auf den Weg nach Rydal, um den zweiten Garten zu sehen. Der Ort Rydal besteht nur aus wenigen Häusern und einer einzigen, sehr engen Seitenstraße. An dieser Straße liegen sowohl der Garten von Wordsworth als auch das weitläufige Gelände von Rydal Hall und als dritter Anlieger ist eine Kirche. Den Umgang mit den viel zu wenigen Parkplätzen erlebe ich als typisch britisch. Anstatt nun auf mürrischen Schildern auf Parkverbote hinzuweisen oder Parkuhren aufzustellen, gibt es einen einfachen und freundlichen Hinweis: Wenn Sie hier parken, werfen Sie bitte etwas in die Sammeldose in der Kirche. Auch die vielen „Wanderer Willkommen“ Schilder an den privaten Forstwegen sind mir schon aufgefallen.

Am Kassenhäuschen, vor dem Eingang zu Rydal Mount, frage nach einem Infoheft zum Garten. Ich denke an einen Pflanzplan, eine Liste der Pflanzen, irgendetwas in dieser Art. Ich bekomme einen Lageplan. Ein erster Blick macht deutlich, wie weitläufig das Gelände ist. Hier braucht es offensichtlich einen Lageplan, um die einzelnen Rasenflächen und Gartenbereiche voneinander zu unterscheiden. Ein vollständiger Pflanzplan, so wie er bei Beatrix Potter ausliegt, wäre hier wohl ein dreibändiges Werk. Ich lasse das Haus des Dichters links liegen und laufe einfach mal los.

Wow, das ist ja unglaublich!!! Der Garten ist schier endlos groß. Ich schätze dass es mindestens 10.000 qm sind. Da gibt es eine Terrasse für den Tee. Dort eine weitere Terrasse für das Krocket- Spiel. Dazwischen gibt es noch den „großen“ Rasen. Genau wie Hill Top Farm wird der Garten weiter gepflegt und bewirtschaftet. Ein Garten ist kein Museum, das man ein Mal einsortiert und danach „nur“ noch abstauben muss. Um einen Garten zu erhalten, muss er weiter bearbeitet werden. Da gibt es dann auch einen Komposthaufen, einen vor Regen geschützten Rasenmäher und verschiedene Stapel wiederzuverwendender Plastikblumentöpfe. Das Gewächshaus ist dagegen überraschend klein. Das Gemüse war also nicht so sehr Wordsworths Thema. Das ist ein deutlicher Unterschied zum Garten von Beatrix Potter. Wordsworths Garten ist ein Garten aus purer Lust am gärtnerischen Gestalten. Und dieses Gestalten ist richtig gut gelungen!

Ich weiß nicht, wann Wordsworth Zeit zum Schreiben hatte, nachdem er einen solchen Garten erdacht und umgesetzt hat. Es ist nicht einfach ein riesiges Grundstück auf dem Pflanzen wachsen. Es ist mit Bedacht eingeteilt und strukturiert. Da gibt es die verschiedensten Terrassen und Rasenflächen und Mauer und Treppen die alle zusammen die Struktur dieses Gartenparks ausmachen. Selbst innerhalb der größeren Flächen ist jede Ecke durchdacht. An einer Stelle ist zum Beispiel sehr schön zu sehen, wie eine Rasenfläche von Hortensien begrenzt ist. Je schattiger die Rasenfläche ist, desto mehr Funkien mischen sich zwischen die Hortensien, bis schließlich in der dunkelsten Ecke ein ganzer Funkiengarten gestaltet wurde. Für einen normalen Privatgarten wäre alleine diese eine Hortensien-Funkien-Reihe schon eine gelungene Gestaltung. In Wordsworths Garten, der ja irgendwie auch ein Privatgarten ist, ist dies nur eines von zahlreichen gleichwertigen Elementen. Alles was spätere Gartendesigner sich zu dem Thema „Gartenräume“ ausgedacht haben, ist hier schon zu finden.

Je weiter ich mich vom Haus und der ersten Terrasse entferne, desto mehr sind nur noch die groben Strukturen vorgegeben: Baum, Treppe, Bassin, Weg. Die großen Farne der Landschaft außerhalb des Gartens übernehmen nun den Hauptteil der Bepflanzung. Dazwischen vereinzelt eine Hortensie und mir unbekannte Gewächse mit riesigen Blättern, die ein beruhigendes Gegengewicht zum wuchernden Farn bilden. Auch in den entlegenen Bereichen des Gartens gibt es durchaus die planende Hand des Gärtners, aber es geht nicht mehr um jede einzelne Blüte, sondern die große Linie. Der Garten beginnt, sich mit der umgebenden Landschaft zu vermischen. Es ist alles gepflegt und gestaltet und doch verschwimmen die Grenzen zwischen innerhalb und außerhalb des Gartens. Ein fließender Übergang.

Vielleicht sollte man das auch für den eigenen Garten beherzigen: Mit dem arbeiten, was in der eigenen Landschaft wächst. Es mag Menschen geben, die alle weltweit vorkommenden Funkien anpflanzen. Wie viele verschiedene Funkien mag es wohl geben? Das wären dann für mich eher Sammler als Gärtner. Beides finde ich OK und nachvollziehbar, aber es sind ganz unterschiedliche Ansätze. Mir wird klar, dass heutige Gärten – und da schließe ich mich durchaus mit ein – so mit Katalogen der Staudengärtnereien und Gartenzeitschriften verwöhnt sind, dass gar nicht mehr klar ist, was die regionalen Pflanzen sind. Ich könnte nicht sagen, was die speziellen Pflanzen Nordhessens sind. Ich nehme mir vor bei jedem Spaziergang durch die Landschaft, egal ob Feld oder Wald, eine Pflanze zu notieren, die ich dort sehe. Manche werde ich kennen, aber vieles werde ich auch erst noch bestimmen müssen. Ja, ich möchte weiterhin Phlox und Sonnenbraut im Staudenbeet oder Tomaten im Gemüsegarten haben, aber die Pflanzen, die zu meiner Region gehören, möchte ich besser kennen und sie sollen auch in meinem Garten einen Platz finden dürfen.

Als ich nach einer langen Runde wieder ins Ticket-Häuschen gehe, um nach Büchern und Karten zu schauen ist es dort freundlich warm. Ich war so im Garten versunken, mir fällt erst jetzt auf, wie „chilly“ es draußen ist. Ich frage spontan nach einem Tee. Ich schaue gar nicht erst, ob es eine Karte gibt. Einen Tee gibt es überall in England! Ich frage erneut nach Lektüre zum Garten, aber es gibt nichts. Ich zahle meinen Tee und nehme wenigstens noch einen offiziellen Druck des berühmten Narzissen-Gedichtes. Auch wenn ich den Text ebensogut im Internet finden würde oder auf einer der Tassen, Topflappen, Untersetzer und zahllosen weiteren Andenken im Tourist-Shop von Grasmere. Ich sehe das als Ausgleich dafür, dass ich mir einen kleinen Farn, der sich selbst zwischen eine Treppenstufen am fernen Ende des Gartens ausgesät hat, mitgenommen habe. Ich habe diese Sorte Farn, so ganz anders als der normale „Waldfarn“, schon verschiedentlich auf den Natursteinmauern wachsen sehen. Durch den Regen gestern und heute war es ganz leicht den Farn mit etwas feuchter Erde zwischen den Treppenstufen heraus zu ziehen. Es ist in meinem Garten dann zwar eine weitere nicht-heimische Pflanze, aber wer aus dem Lake District kommt, hat einen Sonderstatus!

Während ich meinen Tee trinke, blicke ich auf ein Poster mit berühmten Dichtern. Es ist mir nicht klar, wie diese ausgewählt wurden. Fast alle sind englischsprachig. Ich kenne die einzelnen Personen zu schlecht, um zu wissen, ob sie aus England, Schottland, USA oder einem anderen englischsprachigen Land stammen. Direkt neben Wordsworth ist Goethe abgebildet. Ich hatte mir Wordsworth so ungefähr als den englischen Goethe vorgestellt und es stimmt, sie haben ungefähr gleichzeitig gelebt und sind beide sehr alt geworden.

Auch Virginia Woolf ist dabei. Ich berichte der Kassiererin kurz, dass ich dass ich über den Garten von Virginia Woolf ein Buch gelesen habe, dass es der Autorin wunderbar gelungen ist, Informationen zum Garten und zu den Werken von Virginia Woolf zu kombinieren. Nun hätte ich über den Garten von Virginia Woolf gelesen, ihn aber noch nicht gesehen während ich den von Garten von Wordsworth gesehen habe, es aber nichts darüber zu lesen gibt. „Es sollte auch über diesen Garten ein Buch geben“, sage ich. Sie stutzt kurz und läuft dann entschuldigend davon. Es dauert eine Weile, bis sie wieder da ist und dann bringt sie ein Buch mit. Sie drückt es an sich und hält schützend die Arme darüber, um den einsetzenden Regen abzuhalten. Es ist ein Buch über Wordsworths Garten! Genau so wie das von Caroline Zoob über die Woolfs. Die Kassiererin berichtet, dass die Autoren mehrfach hier waren und Jahr für Jahr an dem Buch geschrieben haben. Das Buch sei leider vergriffen und es sei zu teuer eine Neuauflage in Auftrag zu geben. Aber dieses Exemplar hier könne sie mir verkaufen. Ich verstehe es so, dass die Autoren mehrere dieser Bücher Rydal Mount zum Verkauf überlassen haben. Es ist ganz neu und sogar signiert. Ich blättere kurz hinein, um der Pflicht es anzusehen Genüge zu tun, aber in Wirklichkeit habe ich mich längst entschieden das Buch zu kaufen. Was für ein besonderes Buch und welche Gelegenheit! Hier in Wordsworths Garten ein von den Autoren signiertes Buch über diesen Garten zu finden. Das ist ja fast so genial, wie mit Wordswoth selbst über seinen Garten zu sprechen. Jetzt werde ich über Botanik und Gartenkunde mein Englisch aufbessern! Wow, was für ein wunderbarer Tag! Ein beeindruckender Garten und solch ein Buch. Unglaublich!

Künstlergarten (1): Beatrix Potters Hill Top Farm

 

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