Entschleunigung: Eine herbstliche Lehrstunde mit Hund

Schon seit Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema Entschleunigung und gebe als Hobby Dinge wie Teetrinken oder Schauen an, etwas, das heutzutage unter dem großen Dach der Achtsamkeit Platz findet. Gleichzeitig rausche ich dann doch montäglich mit Höchstgeschwindigkeit über die Autobahn ins Büro. Es ist eben gar nicht so einfach, Dinge, die in der Theorie überzeugend sind, dann auch wirklich anzuwenden.

Heute Morgen hat mir unsere Hündin Frieda erklärt, wie das mit der Entschleunigung funktioniert. Frieda wird langsam älter und läuft sehr langsam. Schrittchen für Schrittchen konnte ich eine dreiviertel Stunde lang die leuchtenden Herbstbäume vor blitzeblauem Himmel genießen. Um dem Hund nicht davon zu laufen habe ich angefangen bunte Blätter zu sammeln. Mensch, das habe ich seit der Grundschule nicht mehr getan! Das wurde aber auch wirklich Zeit! Eigentlich liebe ich es bunte Blätter zu sammeln. Genauso wie Kastanien. Eigentlich. Ich liebe es zwar, aber ich mache es meistens nicht, weil ich keine Verwendung für die Kastanien habe und die bunten Blätter viel zu oft zwischen den Zeitungsblättern, zwischen denen sie trocknen und glatt werden sollten, vergesse. Aber – darf man nur Dinge tun, die schön und zusätzlich auch noch praktisch oder sinnvoll sind? Ja, ich baue weder, wie im Kindergarten, mit Streichhölzern kleine Männchen aus Kastanien noch nutze ich sie als ökologisches Waschmittel. Ich finde sie einfach schön und freue mich daran. Ob sie nun auf der Straße liegen und von Autoreifen zerquetscht werden? Da kann ich sie ebensogut auf dem Schreibtisch stapeln. Ein Asyl für Kastanien sozusagen.

Ich merke wie Entschleunigung nicht nur mit Geschwindigkeit zu tun hat. Natürlich fällt es schwer, innerlich im Gleichgewicht zu sein, wenn ich von einem Termin zum nächsten hetze und schon bei dem auf 5 Minuten zusammengekürzten Frühstück weiß, dass ich bei aller Eile, den ganzen Tag Verspätung haben werde. In Entschleunigung steckt aber auch die Freiheit zum Anderssein. Ich muss nicht das machen, was alle jetzt toll finden. Ich kann mich Entkoppeln vom großen Strom derer, die in eine Richtung gehen. Ich muss deshalb kein Sonderling, kein weltfremder Einsiedler sein. Für manche Themen braucht es eine große Anzahl von Teilnehmern. Aus der Atomkraft aussteigen, das geht nur wenn viele, viele mitmachen. Beim Kastaniensammeln kann ich dann wieder meinen eigenen Gedanken folgen und es ist egal, was die große Gruppe davon hält. Ich denke die Kunst bei der Entschleunigung liegt darin, zu erkennen, wann ich abbiegen muss vom vorgefertigten Weg, wann ich besser meinen eigenen Weg gehe.

Ich kann keine wissenschaftliche Begründung dafür liefern, dass ich welke Blätter sammele. Na und? Soll sich doch ein anderer sich damit beschäftigen. Mir reicht es, dass ich sie schön finde und beim Spazierengehen die milde Herbstsonne genieße.

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