Die Kräutermauer – Erst will nichts wachsen, aber nun blüht es

Gärtnern ist Geduld. Das erlebe ich immer wieder. Geduld gegenüber dem langsamen Wachstum mancher Pflanze, aber vor allem Geduld mir selbst gegenüber. Geduld mit dem eigenen Unvermögen.

Jahrelang habe ich versucht, eine niedrige Natursteinmauer in die Bepflanzung der angrenzenden Wiese mit einzubeziehen. Verschiedene Kräutertöpfe als Mini-Küchengarten. Jährlich neu gesäte Sommerblumen. Ganz egal, ob vor oder auf der Mauer. Nichts wollte dauerhaft gelingen. Irgendwann war ich es leid und überließ die Mauer sich selbst. Ohne meine gutgemeinte Fürsorge haben sich in den folgenden Jahren Pflanzen angesiedelt, die diesen Platz wirklich mögen. In diesem Fall hat sich der Garten durch Nichtstun besser entwickelt als durch meine Arbeit.

Der Satz „Die Pflanzen haben sich ihren Platz gesucht“ geht meiner Meinung nach allerdings weit über die Fähigkeiten einer Pflanze hinaus. Sich einen Platz suchen beinhaltet eine bewusste Entscheidung. So als liefe das Johanniskraut in Gedanken durch meinen Garten und prüfe die verschiedenen Plätze. „Ach hier im Bauerngarten ist es mir zu voll. An der Felsenbirne ist ein Platz frei, aber nein, das ist mir zu schattig.“ Und dann sieht sie plötzlich die Mauer, an der es allen anderen Pflanzen zu windig ist und spricht zu sich selbst „Dort will ich Wurzeln schlagen und eine Heimat finden“.

Tatsächlich ist es wohl eher so, dass nach vier Jahren, die nun das Johanniskraut in meinem Garten wächst, in jeder erdenklichen Ecke ausreichend Samen vorhanden sind. Es gibt auch an vielen Stellen einzelne gelbe Blüten, die zeigen, wie weit das Johanniskraut gewandert ist. Aber hier an der Natursteinmauer sind von allen Plätzen in meinem Garten die Bedingungen für das Johanniskraut am besten. Deshalb wächst es dort viel kräftiger und ausdauernder als überall sonst.

Im Vergleich zu meiner Planung mit ordentlichen Töpfen, fein angeordnet und beschriftet, sieht es nun deutlich unordentlicher aus. Wobei dieser Eindruck erst jetzt im Nachhinein durch die Fotos meiner verschiedenen Versuche entsteht. Wenn ich selbst auf der Terrasse sitze, wirkt es gar nicht unordentlich. Im Gegenteil, hier ist etwas so gewachsen, wie es sein soll. Garten als ein Platz für Entfaltung. Für mich selbst, aber auch für die Pflanzen. Dass es nicht sauber und quadratisch angeordnet ist, hat nichts mit Verwildern zu tun. Es macht eher deutlich, dass Pflanzen wenig mit quadratischer Ordnung anfangen können.

Außer dem Johanniskraut (Hypericum perforatum) haben sich auch Oregano (Origanum vulgare) und Spitzwegerich (Plantago lanceolata) angesiedelt. Der „normale Waldfarn“ (Frauenfarn oder Gemeiner Waldfarn) wächst schon immer an dieser Stelle. Auf recht kleiner Fläche haben sich Pflanzen zusammengefunden, die ich nie gemeinsam in ein Beet gesetzt hätte. Die Steine der Mauer bieten die Wärme, die Johanniskraut und Oregano brauchen. Gleichzeitig ist die Erde feucht genug, um selbst einem schattenliebenden Farn einen Platz zu bieten. Das theoretische Wissen über Standort und Bedürfnisse von Pflanzen sind nur eine erste Annäherung. Der tatsächliche Garten und jede einzelne Pflanze mögen sich an die Lehrbücher halten oder auch nicht.

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