Der Traum vom einfachen Leben

Ich genieße es im Sommer zum Frühstück auf der Terrasse zu sitzen. Sobald ich mit einem Tee, frischen Brötchen und der selbstgemachten Marmelade dort sitze, frage ich mich, was ich tun könnte, damit es öfter so ist. Ein einfaches Leben, das jeden Morgen mit einem Frühstück in Ruhe und Gelassenheit beginnt. Dann mit sinnvoller Arbeit weitergeht und am Tagesausklang genug Zeit und Kraft übrig lässt an andere Dinge als die unerledigte (Büro)-Arbeit zu denken, die mir im Nacken sitzt.

Nur, was ist das genau, dieses einfache Leben? Wo kriege ich das her? Kann ich das im Probe-Abo bekommen, mit 6 Monaten Rücktrittsrecht? Wird mir das auch dann noch gefallen, wenn ich nicht mehr freiwillig auf den Auslandsurlaub verzichte sondern ihn mir einfach nicht leisten kann weil ich nicht genug Tomaten verkauft habe? Oder tatsächlich als einziger im Wohnviertel einen 15 Jahre alten Dacia Logan fahre, während alle anderen längst mit dem neusten Hybrid-Elektro-Hyperantrieb durch die Landschaft rollen?

Vor einiger Zeit ging auch das Magazin der Wochenzeitung Die ZEIT der Frage nach dem einfachen Leben nach: Nr. 1/2015, 8. Januar 2015, „Entschleunigung – Die Welt ist mir zu viel“. Der Artikel hatte viele gute Gedanken, aber insgesamt schwankte die Autorin zwischen der Faszination für Menschen, die ihr Gemüse selber anbauen, obwohl es im Supermarkt billiger ist und dem Vorwurf, selbstgestrickte Socken wären kein politisches Statement. Ist es das, was mich von meinem Traum abhält? Die Angst davor als weltfremder Spinner abgetan zu werden, wenn ich nicht mehr mitmache bei… Hm, bei was denn eigentlich? Digitalisierung wollte ich sagen, aber Digitalisierung ist nicht von sich aus böse. Globalisierung dann vielleicht? Auch das trifft es nicht, denn Themen wie Plastikmüll in den Ozeanen lassen sich nur global lösen. Und überhaupt, weshalb muss ein Lebensstil, der vom konventionellen Arbeitsalltag abweicht automatisch eine politische Bedeutung haben? Hat ein 9-bis-5 Bürojob etwa eine politische Bedeutung?

Mir wird klar, dass ich „Einfaches Leben“ häufig mit karg und entbehrungsreich gleich setze. Doch einfaches Leben muss nicht automatisch immer auch ein bäuerliches Leben mit eigenem Gemüseanbau, selbstgetöpferten Krügen und handgestrickten Pullovern sein. Und für mich es ist nun wirklich keine „Entbehrung“, wenn ein Tag ohne Autobahnstau, ohne Handyklingeln, ohne sinnfreie Meetings auskommt. Im Gegenteil, das ist viel eher der Inbegriff von Glück.

Es ist wohl gar nicht so leicht, klar zu sagen, was genau mit einfachem Leben gemeint ist und es gibt viele Interpretationen von „einfach“. Eine davon ist die Idee, dass zu einem einfachen Leben unbedingt auch besonders wertige und teure(!) Dinge im Retro-Design gehören, mit denen sich die Menschen in der guten alten Zeit herumplagten – als alles noch beschaulich war und keiner vom Smartphone-Stress getrieben wurde. Für alles gibt es natürlich vielbuntige Magazine und Spezialversender. Der Rasenmäher so einfach wie vor 100 Jahren zum Preis eines Monatsgehaltes. Es ist ein schwieriger Grat zwischen „alt und damals schon unpraktisch“ und „einfach“. Das Leben wird nicht dadurch einfach, dass man es so mühsam, wie vor 100 Jahren gestaltet.

Das einfache Leben hat viel mehr mit selbstBESTIMMUNG zu tun, als mit selbstVERSORGUNG. Es kann ja gerne eine Kombination aus beidem sein, aber einfaches Leben und Selbstversorgung sind keine Synonyme. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass genau an dieser Stelle in vielen Diskussionen der Trugschluss ist. Einfaches Leben meint vielmehr die Konzentration auf das, was für mich wesentlich ist. Die Konzentration auf das, was für mich das Wesen des Lebens ausmacht. Ich sage ganz bewusst Konzentration und nicht Reduktion. Sicher gibt es Dinge, die mir zu meinem wesentlichen Leben noch fehlen. Andere dagegen werden sich als überflüssig erweisen und können weg. Vielleicht werde ich zukünftig ganz auf den Begriff einfaches Leben verzichten und statt dessen von einem wesentlichen Leben sprechen.

Für mich habe ich (bisher) zwei Dinge gefunden, die ein wesentliches Leben ausmachen:

  • In diesem ganzen Wahnsinn um mich herum, ein Plätzchen zu finden, an dem ich ICH sein kann.
  • Und so ganz nebenbei vorher noch herausfinden, was eigentlich für mich dieses Wesentliche ist, das mein ICH-Sein ausmacht.

Der Autor Max Frisch beschreibt es so: Dass ein Leben ein wirkliches (oder wesentliches) Leben gewesen ist, es ist schwer zu sagen, worauf es dabei ankommt. Ich nenne es Wirklichkeit, doch was heißt das! Sie können auch sagen: Dass einer mit sich selbst identisch ist. Andernfalls ist er nie gewesen. (Max Frisch, „Stiller“)

Wenn ich das alles weiß (Was ist für mich wesentlich? Wie möchte ich leben, damit ich mit mir selbst identisch bin?) und umsetze, dann macht einfaches, ähm wesentliches Leben auch glücklich – ganz von alleine. Sämtliche Kataloge für Retro-Design und alle die Hochglanzmagazine zum Glücklichsein im Energiefluss können also jetzt schon als allererstes auf den BraucheIchNichtMehr-Stapel.

2 Gedanken zu “Der Traum vom einfachen Leben

  1. zu diesem philosophischen Text mit Zitat ein Fazit aus Schattenland:

    des „Fussballphilosophen“ Christian Streich.

    …“Mir sin im irrealen Bereich…. aber es isch grad Realität“

    On Sun, 06 Aug 2017 10:20:26 +0200, Uhles Gartengedanken

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