Teepause als Winterarbeit

Seit einigen wenigen Tagen mit kräftigem Frost Ende November, ist mein Garten im Winterschlaf. Die Temperaturen sind auch im Dezember und Januar winterlicher als ich es aus den letzten Wintern kenne. 2020 habe ich im Januar das letzte Mal den Rasen gemäht. 2021 liegt an überraschend vielen Tagen eine dünne Schneeschicht über der welken Wiese. Ich vermisse es, in den Garten zu gehen und trotz des Winters wenigstens Kleinigkeiten zu erledigen.

Zurzeit entdecke ich daher Gartenarbeiten für das Wohnzimmer: Teetrinken in Kombination mit Gartenzeitschriften und meinem Stapel ungelesener Bücher. Ich habe die Kartusche des Wasserfilters gewechselt und mit dem frischen Wasser kann ich endlich die besonderen Tees auszuprobieren, die sich hier angesammelt haben: Allerlei Tee-Proben aber auch mutwillig gekaufte Sorten. Assam SFTGBOP Tonga Second Flush. „Ein üppiger Assam von klassischer Struktur, malziger Dichte und einer mahagonifarbenen Tasse“.

Dabei fällt mir das Buch von Siegfried Lenz ein, das ich gerade noch einmal lese: „Die Auflehnung“. Darin geht es um einen Tee-Tester, der seinen Geschmack verloren hat und der nun zu seinem Bruder einem Fischteich-Besitzer reist. Ich will dem Tee-Tester mal zu Gute halten, dass er tatsächlich die Unterschiede zwischen hunderten von Sorten schmeckt. Ich frage mich allerdings, was diese Unterschiede für den normalen Teetrinker bedeuten, der vielleicht 5 oder höchsten 10 verschiedene Sorten Schwarzen Tee unterscheiden kann. An dieser Stelle kommen dann wohl die Kollegen vom Marketing ins Spiel, die solche Texte aus malzigem Mahagoni auf die Tüten schreiben. Hm, also ich finden den Tee lecker und die Farbe ist irgendwie dunkelrotbraun, so wie das bei Assam halt ist.

Vielleicht sollte ich mich bei Auswahl der Teesorten nicht so sehr vom Marketingkauderwelsch verwirren lassen, sondern mich an meiner aktuellen Winterlektüre orientieren. Für den Teetester bei Siegfried Lenz gibt zum malzig-mahagonifarbenen Assam das edle Porcellan mit der Kanne, die mich an Aladins Wunderlampe erinnert.

Daniela Alges Kommissar Waldinger dagegen ist eher ein Biertrinker. Aber seine sympathisch gezeichnete Frau Helga wird sicher gerne einen Tee trinken. Vielleicht einen regionalen Kräutertee aus einer kräftigen, fast groben Porzellantasse. Trotz mehrfacher Versuche bleibe ich für den Alltag bei Schwarzem Tee. Als Kräutertee kann ich daher nur einen Erkältungstee mit Thymian anbieten. Der passt zumindest zur Jahreszeit.

Johanne lerne ich gerade erst kennen. Noch bin ich nicht sicher, ob sie eher eine Lebenskünstlerin ist, die ganz bewusst mit einfachsten Mitteln lebt, oder ob sie sich aus Notwehr aus dem überbordenden Strudel aus Höher-Weiter-Schneller zurückzieht. Auf ihrem Tisch stelle ich mir bunt zusammengewürfelte Tassen für einen kräftigen Bio-Tee vor. Ihr ist wichtig, dass kein Tier unter ihrem Lebensstil leidet, daher bio oder gar nicht.

Annie Dillard schließlich, habe ich bei meiner Recherche über Nature Writing getroffen. So wie sie schreibt, kann ich mir tatsächlich vorstellen, ihr bei einem Waldspaziergang zu begegnen. Sie sitzt in Gedanken versunken neben einer Pfütze und redet mit den Kaulquappen. Am nächsten Tag schwebt sie in den Baumwipfeln und jongliert mit sämtliche mir bekannten antiken Philosophen über das Wesen der Welt und des gegenwärtigen Augenblicks. Ihre Tasse hat sie wahrscheinlich selbst getöpfert. Die Kanne ist zwar schwer und mühsam auf ihren Wanderungen mitzuschleppen, aber dafür kann sie das Gusseisen auch direkt auf einer rasch entzündeten Lagerfeuerflamme wärmen.

2 Gedanken zu “Teepause als Winterarbeit

    • Danke! Hat auch Spaß gemacht, die Teetassen mit den verschiedenen Büchern zu kombinieren. Ich mache mich mal auf die Suche. Vielleicht finde ich noch ein paar Tassen oder Kannen, die zu meinen Büchern passen!

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