Eine finstergiftige Eibe als Hausbaum

Anfangs war die Eibe in unserem Garten einfach nur da. Wir hatten sie beim Hauskauf ungefragt dazubekommen. Da stand sie nun: Dunkel, finster und zäh.

Erst nach und nach zeigte sich, wie viel Eibe hier langsam und geduldig vor sich hin wuchs. Eine vor dem Haus. Eine etwas deplatziert mitten auf der Wiese. Aber vor allem der 2 Meter hohe Schutzwall zum Nachbargrundstück. Bei meinen alljährlichen Versuchen, die Hecke zu stutzen, fühle ich mich sehr an das Märchen Dornröschen erinnert. Die Mischung aus Eibe, Holunder und Kletterrosen ist eine gelungene Nachpflanzung der dort beschriebenen Hecke. Besonders, wenn ich diese Mischung jetzt noch die hundert Jahre des Dornröschenschlafes wachsen ließe.

Als junger Hausbesitzer hatte ich sofort überlegt, was denn unser Hausbaum werden könnte. Die nach Höhe und Alphabet sortierten Listen von Acer platanoides bis Tilia platyphyllos halfen dabei nicht weiter. Die meisten Bäume waren mir unbekannt. Weshalb sollte ich eine mir völlig fremde Pflanze als Hausbaum auswählen? Aber ich sammele in jedem Herbst mit kindlich leuchtenden Augen Kastanien und trage sie in Jacken- und Hosentaschen mit mir herum. Also vielleicht eine Kastanie? Oder zu Ehren von Reinhard Mey ein Apfelbäumchen? Das waren meine Gedanken zum Thema Hausbaum. Es sollte etwas sein, zu dem wir eine Verbindung haben und nicht irgendein Gehölz, das mit seiner Höhe und Breite halt noch so dazu passt.

Die Zeit verging. Irgendetwas anderes war immer wichtiger. Zudem haben wir ein gebrauchtes Haus mit eingewachsenem Garten gekauft. Große Lücken für einen neuen Baum gab es also nicht. So verschwand das Thema irgendwann von alleine. Wir pflanzten Johannisbeeren und Rhabarber, zahlreiche Stauden und bauten ein Hochbeet. Nur einen besonderen Baum pflanzten wir nicht. Mittlerweile ist mir klar geworden, dass wir schon vor dem Einzug längst einen Hausbaum hatten. Unser Hausbaum ist die Eibe.

Der erste Hausbaum steht ganz passend vor der Haustür. Anfangs war der Vorgarten eine traurige Mischung aus einer Eibe und einigen kugeligen und breitästigen Koniferen*. Inzwischen haben wir die Büsche entfernt und die freie Fläche mit Hortensien aufgefüllt. Nun wächst die Säuleneibe Jahr für Jahr ein Stück höher hinaus. Es muss gar nichts Neues dazu kommen. Das Vorhandene war schon perfekt. Es war in all dem Gewucher nur nicht zu erkennen. Manchmal reicht es, aufzuräumen, damit die Dinge ihre Wirkung entfalten können.

Der zweite Hausbaum teilt sich die Krone mit einer Hainbuche. Im Sommer sieht es aus, als sei es ein einziger hoher Baum. Jetzt im Herbst zeigt sich, dass es insgesamt drei Bäume sind: Zwei Eiben und eine Hainbuche. Alle drei haben über viele Jahre hinweg die Gunst der Abgeschiedenheit in der Grundstückecke sowie das hohe Alter aller anliegenden Grundstückseigentümer genutzt und sind ihren jeweiligen Hecken nach oben enteilt. Mittlerweile sind die Grundstücke alle verkauft, die Häuser renoviert und neu bezogen, aber keiner der neuen Eigentümer mag die Bäume auf die Höhe der Hecke zurückschneiden. Zum Glück!

Meine ersten Begegnungen mit der Eibe waren wenig von Begeisterung geprägt. Inzwischen sind allerlei Jahre vergangen und ich habe die Eibe zu schätzen gelernt.


* Botanisch gesehen gehören Thuja und Eibe beide zu den Koniferen. Das finde ich persönlich sehr bedauerlich. Denn welch ein Unterschied zwischen den üblichen Baumarktsichtschutzkoniferen rund um moderne Kiesgärten und einer Eibe.

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