Künstlergarten (5): Max Liebermann am Wannsee

Blick auf den Wannsee. Glitzerndes Wasser. Von den Booten tönen lachende Stimmen bis zum Ufer herüber. Aus dem Garten hinter mir gedämpftes Gemurmel aus Baumschnitt und Gemüsesorten. Über allem die Sommersonnenhitze der letzten Junitage. Hier am Strandpavillon ist selbst Liebermanns Haus im Grünen weit weg. Nicht nur in Metern. Die Stimmungen könnten nicht unterschiedlicher sein: Hinter dem Haus der strenggeordnete Gemüsegarten. Das Haus selbst als Ort des gesellschaftlichen Lebens. Der Flaniergarten als Verlängerung der Terrasse. Und hier ganz fern vom Haus und Alltag: Träumen – Schauen – Nichtstun.

Zum zweiten Mal bin ich heute im Garten der Liebermann-Villa am Wannsee in Berlin. Es braucht Zeit, diesen Garten wirken zu lassen. Wer heute die Liebermann-Villa besucht, wird durch das Wohnhaus des Gärtners geleitet. Dort sind der Museumsshop und die Kasse für die Eintrittskarten. In den Zeiten als die Familie Liebermann hier wohnte, war das sicher anders. Der Besucher ging durch das große eiserne Tor an der Straße und wandte sich leicht nach links zur Villa. Der Weg führte dann entweder über einen gekiesten Vorplatz zur Loggia oder noch weiter links zu einer großen Haustür aus seriös dunklem Holz. Der vom Eingangstor nach rechts liegende Nutzgarten war durch das Gärtnerhaus und die Lindenhochhecke etwas abgeschirmt. Der Besucher war in erster Linie ein Besucher der Familie Liebermann. Und wenn Liebermanns dann mit ihrem Besuch zusammen saßen, dann ging der Blick von der Terrasse zum See. Vielleicht bewunderte man auch gemeinsam eine neue Gemüsesorte. Immerhin war der große Nutzgarten ein ausdrücklicher Wunsch Liebermanns. Der heutige Besucher besucht den Garten. Er kommt bewusst hierher um sich den Garten anzusehen und die Villa ist eher Beiwerk, der Platz für einen Kaffee.

Ich folge der heutigen Wegführung durch das Gärtnerhaus. Nach dem ersten Schritt ins Freie bin ich sofort umringt von Blüten und Blumen und Pflanzen und Garten. Es hört gar nicht auf, so viel ließe sich hier aufzählen.

 

Die weiße Bank am Ende eines schier endlosen Spaliers aus Buchs und Blau ist immer wieder der erste Blickfang. Ein Prachtgarten. Erst auf den zweiten Blick entdecke ich die zahlreichen Gemüsebeete, die neben und zwischen den Stauden hier ihren Platz finden. Für den wissensdurstigen Besucher gibt es sogar gut leserlich beschriftete Namensschilder. Kleine Holzschilder mit großen Bleistiftbuchstaben. Manchmal nur „Möhren“. Ein anderes Mal genauer „Kartoffel Adretta“. Wer isst wohl diese riesigen Mengen an Gemüse?

Wer pflegt diesen Garten? Das ist Arbeit für einen Vollzeitgärtner. So wie zu Liebermanns Zeiten. Auch die weiße Bank ist längst nicht die einzige. Nach und nach entdecke ich immer mehr Bänke. Die Mehrzahl davon ebenfalls in Weiß und doch ist mit bei dem Stichwort „Die weiße Bank“ sofort klar, welche gemeint ist.

Vieles das ich in G+W Braun „Max Liebermanns Garten am Wannsee“* gelesen habe, verstehe ich nun besser. Ich kann das Gelesene mit den eigenen Blicken nachvollziehen. Die Lage des Gärtnerhauses zum Beispiel. Liebermann hatte mehrfach versucht, für das Gärtnerhaus einen leicht veränderten Standort genehmigen zu lassen. Ich habe nie begriffen, was daran so wichtig war. Nun sehe ich es. Von der weißen Bank am Ende des Nutzgartens blicke ich auf die Liebermann-Villa. Die Wege gehen schnurgerade auf das Haus zu. Wenn die Türen von Loggia und Terrasse offen stehen, kann ich von hier bis zum Wannsee sehen. Der perfekte Blick hat einen einzigen kleinen Makel: Die Villa wird am linken Rand auf wenigen Metern vom Gärtnerhaus verdeckt.

Der Garten hinter dem Haus ist übervoll mit Farben und Formen der verschiedensten Blüten und doch gleichzeitig auch ein streng formaler Nutzgarten. Ein wahres Kunststück dies so zu gestalten. Der Bereich zwischen Haus und See ist zu allererst ein Flaniergarten. Aber auch hier zeigt sich bei näherem Hinsehen die Vielseitigkeit. An die Terrasse der Menschen schließt sich eine Terrasse der Blumen an. Diese ist allerdings für meinen Geschmack zu einseitig mit roten Geranien bepflanzt. Auch die drei sehr verschiedenen, von Hecken umschlossenen Gartenzimmer haben mich nicht überzeugt.

Doch kaum habe ich die drei Heckengärten verlassen, jeder so groß wie ein ganzer Reihenhausgarten, glitzert mir schon das Wasser entgegen. Ein paar Schritte vorbei an einem fast versteckten Obstgarten und ich stehe am Wannseeufer. Wow, hier mag ich bleiben. Ein Pavillon steht passend am Wegesrand. Vielleicht könnte jemand ein Tablett mit Tee und Gebäck vorbeibringen? Später auch gerne etwas Herzhaftes. Das wäre dann vielleicht doch zu perfekt. Ich hole stattdessen die eigene Keksdose aus dem Rucksack und bleibe lange hier sitzen und beginne über den Garten zu schreiben. Ich schreibe am liebsten direkt mit dem Blick auf den Garten oder die Pflanze, um die es geht. Was liegt näher als die vielfältigen Eindrücke dieses Gartens gleich hier zu notieren?

Das letzte Highlight des Gartens – ist das überhaupt noch ein Garten oder doch schon ein privater Park? – erlebe ich auf dem Rückweg zur Villa. Der Weg vom Seeufer führt schnurgerade zur Villa zurück. An dieser Stelle stand jedoch, schon bevor Max Liebermann das Grundstück gekauft hat, ein kleiner Birkenhain. Liebermann hat beides behalten. Den Birkenhain und den Wunsch nach einem geraden Weg. Nun führt der Weg mitten durch die Bäume hindurch. In der Theorie schließen sich die beiden Möglichkeiten aus. Entweder Weg oder Wäldchen. Die Praxis zeigt, dass beides zusammen viel besser ist als das entweder oder.


* G+W Braun: Max Liebermanns Garten am Wannsee. Das Buch ist eine ideale Ergänzung zum Besuch der Liebermann Villa. Es eignet sich sowohl zur Vorbereitung als auch als Begleiter während der Besichtigung. Nach einer erfreulich kurzen, aber dennoch umfassenden Einleitung über Max Liebermann, seine Zeit und den Kauf des Grundstücks, folgt ein gut strukturierter Hauptteil über den Garten. Zu jedem Bereich des Gartens gibt es ein eigenes, kurzes und übersichtliches Kapitel. Eine Zeichnung zeigt, um welchen Bereich es im Kapitel geht. Die historische und heutige Gestaltung ist auf Fotos und zahlreichen Gemälden Liebermanns zu sehen.

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