Giersch – Eine Heilpflanze?

„Der Giersch als Heilpflanze? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“ So oder so ähnlich höre ich schon die Reaktion der Leser. Andere mögen vielleicht – deutlich vorsichtiger – sagen, „Ach schön, dass einmal jemand eine Lanze für dieses übel gescholtene Kraut bricht“. Ich selbst stehe zwischen beiden Gruppen und kann die eine wie die andere verstehen. Gerne wäre ich wenigstens 80% des Gierschs in meinem Garten los und ich würde es wahrlich nicht vermissen, wenn ich die Gemüsebeete nicht monatlich entgierschen müsste. Auch Susanne Wiborg schrieb bereits 2005 in einem Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Im Kampf gegen den Giersch zeigt sich die Vergeblichkeit des menschlichen Tuns“. Andererseits ist der Gedanke von Jürgen Dahl, dass es sich bei Giersch um ein anspruchsloses Dauergemüse handelt eine wirklich neue Idee. Kein anderes Gemüse ist so dauerhaft verfügbar und benötigt so wenig Pflege. Aus diesem Blickwinkel ist es völlig unverständlich, dass der Giersch einen so schlechten Ruf hat. Unkraut oder Gemüse, darüber lässt an anderer Stelle noch einmal ausführlicher nachdenken, aber Heilkraut? Hm, nun ja, vielleicht Ja, vielleicht aber auch nicht.

Ich lese immer wieder dass nach der Signaturenlehre der lateinische Namens des Gierschs, Aegopodium podagraria ( = Ziege und Füßchen), auf die Behandlung von Gicht in Füßen hinweist. Was hat es also mit der Signaturenlehre und dem Giersch auf sich? Die Signaturenlehre wurde durch den Arzt und Alchemisten Paracelsus (1538 – 1615) schriftlich formuliert. Die Inhalte sind sicherlich deutlich älter. Die Angaben, die ich dazu finden konnte sind alle recht vage und nutzen Formulierungen wie „bereits im Altertum“ ohne dabei konkrete Jahrhunderte, Orte oder Namen zu nennen. Andere Quellen benennen Paracelsus direkt als Erfinder der Signaturenlehre. Die vereinfachte Idee der Signaturenlehre ist, dass Dinge oder Wesen, die gleich aussehen oder andere gleiche Eigenschaften wie Farbe oder Geruch haben, in einer Beziehung zueinander stehen. Ein anschauliches Beispiel ist die Walnuss, deren Aussehen eine Ähnlichkeit mit dem menschlichen Gehirn hat und die tatsächlich Substanzen enthält, die für das Gehirn hilfreich sind. Zu einer Zeit, in der viele der heute selbstverständlichen Erkenntnisse der Naturwissenschaften noch unbekannt waren, war die Signaturenlehre ein Ansatz die Welt um uns herum zu verstehen und Erkenntnisse für den Alltag daraus abzuleiten. „Die alten Römer“, die noch deutlich vor Paracelsus lebten, sollen Giersch angebaut haben, um ihn im Falle eines Gichtanfalls griffbereit zu haben. An solch einer Aussage, habe ich doch erhebliche Zweifel. Abgesehen von hochgiftigen Pflanzen wie Fingerhut oder Blauer Eisenhut, ist eine sofortige Wirkung bei Pflanzen eher etwas untypisches und passt eher zum Kortisonspray beim Asthmaanfall als zum Wildkräutersalat.

Doch was ist nun mit dem Giersch und der Gicht? Dafür habe ich ersteinmal angefangen mich mit der Gicht zu beschäftigen, damit ich eine Chance habe zu verstehen, gegen was der Giersch da überhaupt helfen soll. Stark vereinfacht geht es bei Gicht um zu viel Harnsäure im Blut. Ich habe mich daher mit den chemischen (Woraus besteht Harnsäure?) und medizinischen (Wie entsteht sie im Körper und wie wird sie verarbeitet?) Zusammenhängen beschäftigt. Harnsäure ist ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Stoffwechsels. Wenn jedoch zu viel davon vorhanden ist, dann bildet die Harnsäure Kristalle, die sich in den Gelenken ablagern und Schmerzen verursachen. Bei aller Wichtigkeit der genauen medizinischen Details, lässt sich das Krankheitsbild Gicht mit den wenigen Worten zusammenfassen: Iss weniger Fett und trinke viel Wasser. Was die Wirkung des Gierschs als Heilpflanze angeht, so konnte ich zwar viele allgemeine Aussagen finden, aber im Gegensatz zu anderen Heilpflanzen, fehlen beim Giersch dafür naturwissenschaftliche Belege. Selbst die Naturheilkunde belässt es bei vagen Andeutungen. Der Hinweis, auf die Römer und deren Anbau von Giersch reicht mir als Nachweis nicht aus.

Ich selbst werde dem Giersch im Garten einen Platz zugestehen, an dem er sein darf, ihn als Salatbeigabe schätzen und sicherlich das ein oder andere Experiment mit Giersch als Nutzpflanze wagen. Giersch ist ein gesundes Gemüse, das im eigenen Garten immer frisch und allein schon deshalb vitamin- und mineralstoffhaltiger als gekaufte Ware ist, aber einen therapeutischen Nutzen als Heilpflanze sehe ich bisher nicht.

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