Der schiefe Baum (Wacholder)

Wenn man als Garten-Neuling ein „gebrauchtes“ Haus mit Garten kauft, ist es recht wahrscheinlich, dass man nicht sofort alle Pflanzen erkennt, die es auf dem Grundstück so gibt. Also, mir ging das jedenfalls so. Auf diese Weise hat es sich ergeben, dass in einer Ecke des Grundstücks, von mir völlig unerkannt, ein Wacholder-Baum wächst. Ich muss zugeben, dass ich diesen Baum nicht besonders schön finde, aber er bietet einen Sichtschutz zur Straße und verlangt keinerlei Pflege und ich habe ihn daher nicht weiter beachtet. Ich habe mein Interesse für Heilpflanzen vielleicht bisher zu sehr auf krautige Pflanzen konzentriert und kam irgendwie nicht auf die Idee, dass dieses 5 bis 6 Meter hohe „Monster“, das eher einer depressiven Thuja als einem sonnigen Johanniskraut ähnelt, etwas heilkundliches sein könnte.

Im Laufe des letzten Jahres, hat der Baum begonnen sich zur Seite zu neigen und sich durch seine „Schiefheit“ in mein Bewusstsein zu drängen. Mittlerweile ist er so schief, dass ich befürchte, er könne ganz umkippen und dabei schlimmstenfalls auf vorbeigehende Schulkinder fallen. Nun muss ich ihn also wahrnehmen und mich um ihn kümmern. Dieses Kümmern besteht allerdings darin, dass ich mir überlege, wie ich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln, den schiefen Baum entfernen kann.

Den Stamm einfach mit der Kettensäge durchzuschneiden und den Baum auf die Straße kippen zu lassen, traue ich mir nicht zu. Daher beginne ich mit einer handlichen Baumsäge Ast für Ast vom Stamm zu trennen und arbeite mich dabei immer weiter in die Höhe. Erst jetzt beim Sägen, wird mir klar, dass der Baum ein Wacholder ist: Er duftet nun so gut wie nie zuvor. Und auch einige wenige kleine Wacholder-Perlen entdecke ich nun.

Wacholder 1 Wacholder 2

Was hätte ich getan, wenn ich früher gewusst hätte dass der Baum ein Wacholder ist? Wie lässt sich ein Baum, der als Ganzes schief ist, stützen? Ich lese im Internet nach und erfahre, dass die Perlen (die gar keine Perlen sind, sondern botanisch gesehen Zapfen) und sogar der ganze Baum Heilkräfte hat. Vielleicht lässt sich ja noch irgendetwas retten? Es ist immer wieder erstaunlich, wie sich die eigene Einstellung zu verändert, wenn man mehr über das Thema erfährt. Ganz gleich ob es nun ein schiefer Baum oder etwas ganz anderes ist.

In etwa 5 Meter Höhe wird die Sache langsam wacklig. Ich säge einige größere Äste nicht direkt am Stamm ab, damit ich mich, wie an einer Kletterwand festhalten kann, aber selbst dies reicht mir irgendwann nicht mehr. Gerade als ich überlege, wie ich denn nun weiterarbeiten kann, kommt mir ein Nachbar zu Hilfe und gemeinsam ist es kein Problem die letzten 2 Höhenmeter zu bewältigen und den Stamm dann auf den Hof zu tragen.

Die Situation erinnert mich an einen Vortrag von Veit Lindau, den ich vor einiger Zeit gehört habe. In dem Vortrag ging es um das Thema „Sichtbarkeit“: Erst dann, wenn man mit seinem Thema für andere Menschen sichtbar ist, erreicht man seine Ziele, so lautet ganz grob zusammengefasst der Gedanke von Veit Lindau. Ich hätte tage- und wochenlang in meinem Kämmerchen darüber grübeln können, wie ich denn bloß diesen Baum fälle und wäre keinen Schritt weiter gekommen. Indem ich mein Vorhaben sichtbar gemacht habe – immerhin habe ich den ganzen Samstagvormittag direkt an der Straße auf der Leiter gestanden und Äste gesägt – haben andere die Chance bekommen, mich zu unterstützen. Zu meinem Glück hat der Nachbar die Chance wahrgenommen, sonst säße ich vielleicht immer noch in 5 Meter Höhe fest :-)

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Nachdem der schiefe Baum gefällt ist, wird erst so richtig deutlich, wie sehr er die Fläche um sich herum dominiert hat. Jetzt fehlt zwar der Sicht-Schutz, aber es wird klar, dass der Baum auch ein Schatten-Produzent bzw. Sonnen-Schutz (im negativen Sinne) war. Ein Bereich des Gartens, der bisher dunkel und ausdruckslos war, bekommt nun Sonne und ich habe plötzlich Ideen, wie aus dieser bisher vernachlässigten Ecke etwas Schönes werden kann. Vom Wacholder ist nur ein 40 Zentimeter hoher Stumpf übrig geblieben. Wenn ich aus der bisher dunklen „Ecke am Komposthaufen“ nun ein freundliches „Entree mit Zaunhockern“ machen möchte, muss ich den Stumpf noch entfernen.

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Mein Plan ist, die Wurzel so weit auszugraben, dass ich sie mit der Kettensäge bodengleich absägen kann ohne mit der Säge in die Erde zu kommen. Ich fange daher an die Erde um den Stumpf herum abzutragen. Ich muss ja nur etwa 10 Zentimeter tief graben und das ist recht schnell erledigt. Der Versuch mit der Kettensäge scheitert jedoch kläglich. Ich habe den Eindruck, die Säge ist entweder stumpf oder hat einfach nicht genug Kraft für den dicken Stumpf. Vielleicht bin ich doch mit der Kette beim Sägen in die Erde gekommen und habe sie damit stumpf gemacht. Ich weiß es nicht. Aber ganz egal, wie ich es probiere, ich komme auch nicht ansatzweise so weit, dass der Stumpf nachgibt. Ich werde den Stumpf also ganz klassisch mit viel Geduld ausgraben müssen.

Als erstes vertiefe ich den Graben rund um die Wurzel, damit ich sehe, an welchen Stellen die unterirdischen Ausläufer an der Wurzel ansetzen. Aus den Erfahrungen der letzten Jahre habe ich gelernt, dass es sinnvoller ist kleine Geräte einzusetzen. Ich arbeite mich hauptsächlich mit einer kleinen Schaufel, einem Handspaten und einer Ast-Säge voran. Runde um Runde vertiefe ich den Graben um die Wurzel herum und jedes Mal, wenn ich auf einen Wurzelausläufer treffe, trenne ich diesen mit der Ast-Säge ab. Überraschenderweise macht es der Ast-Säge nichts aus, eine Mischung aus Erde und Holz zu sägen. Die ganze Arbeit hat dabei durchaus etwas Filigranes. Alternativ kann man auch im weiten Bogen um die Wurzel herum die Erde mit dem Spaten ausheben und dann mit Axt und Kettensäge arbeiten. Der Nachteil dieser Technik ist, dass man am Ende einen riesigen Krater im Garten hat.

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In einer Arbeitspause auf der Terrasse stöbere ich bei einer Tasse Tee im Internet, was Andere so empfehlen, wenn es um das Entfernen einer Baumwurzel geht. In einem Artikel wird davon abgeraten sich aus Sylvester-Feuerwerk einen Sprengsatz zu bauen. Ein weiterer Artikel beschreibt die zu ergreifenden Vorsichtsmaßnahmen beim Umgang mit Kleinbaggern. Die Idee, die Wurzel einfach so auszugraben, kommt bisher eher selten vor.

Ich habe nun um die Wurzel herum einen fast 50 Zentimeter tiefen Graben gebuddelt und dabei 10 dicke Wurzelausläufer durchtrennt, aber noch immer ist die Wurzel „felsenfest“ mit der Erde verbunden. Ich beginne nun die Wurzel mit Hilfe eines Unkrautstechers zu unterhöhlen und finde heraus, an welchen Stellen die letzten – meist sehr schwer zugänglichen – Ausläufer sitzen. Da ich nur noch fühlen kann, wo und wie ich weitergraben muss, versuche ich einige Photos aus der „Wühlmaus-Perspektive“ zu machen. Das sieht zwar ganz lustig aus, aber eine echte Hilfe ist es nicht.

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Mittlerweile verbringe ich das vierte Wochenende mit dem Wacholder. So langsam erinnert mich die Aktion an den Sommer mit Eibe. Aber während es bei der Eibe von Anfang an klar war, dass es eine größere Aktion werden würde, ist es beim Wacholder eher so, dass es sich irgendwie so ergeben hat. Im vergleichenden Rückblick wird auch deutlich, wie zart und eher faserig die Wurzeln einer Eibe sind, während der Wacholder sich mit zahlreichen armdicken Wurzelausläufern tief in die Erde krallt. Vielleicht wäre es doch sinnvoller gewesen, von Anfang an mit schwerem Gerät zu arbeiten und später in Ruhe den Krater zu renaturieren?

Immer wenn ich denke „Dies war nun der letze Wurzelausläufer“, entdecke ich eine weitere Stelle an der die Wurzel noch hängt. Um während der Arbeit nicht kopfüber in das Loch zu fallen, muss ich an einer Seite den Boden flächig abtragen. Einer der letzten Wurzelausläufer führt senkrecht nach unten. Erst wirkte er wie eine mächtige Pfahlwurzel, aber nachdem ich die anhaftende Erde abgekratzt habe, ist der Ausläufer nur noch so dick wie mein Handgelenk. Danach starte ich einen Versuch, die Wurzel mit dem Wagenheber aus dem Loch zu wuchten. Irgendwo hängen zwar noch ein paar dünne Ausläufer aber endlich bewegt sich die Wurzel. Mit einem Kantholz als Hebel ist die Wurzel dann plötzlich ganz leicht aus dem Loch heraus.

Puh, das war’s für heute! Und die einzige Form von Wurzeln, mit denen ich mich in den nächsten Wochen beschäftige sind Karotten oder Schwarzwurzeln.

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