Als wir in unser Haus mit Garten einzogen, gab es dort einen großen Rasen. Regelmäßig geschnitten, gedüngt und vertikutiert. Wir machten bei der Erhaltung der gepflegten Rasenfläche alles falsch, was möglich war. Nicht absichtlich. Es kam eben so. Zuallererst mähten wir nicht häufig genug. Keine Zeit. Keine Lust. Rasenmähen ist spießig. Alles Gründe, die man aufzählen kann. Keine Ahnung von Garten war auch noch ein wichtiger Grund. Wieso soll man einen Rasen vertikutieren? Es wächst doch alles. Genauso mit dem Dünger.
Schnell wurden die Auswirkungen des Nichtstuns sichtbar. Wir hatten das ganze Jahr über Gänseblümchen und im Frühjahr gab es große Flecken mit Duftveilchen. Um die Duftveilchen nicht abzurasieren, mähte ich noch später als sonst. Von einem Plan, aus dem Rasen eine Wiese zu machen, war da noch keine Rede.
Nach einigen Jahren gab der Rasenmäher seinen Geist auf. Mitten in der besten Rasenmähsaison. Bis er aus der Reparatur zurück war, konnte der Rasen so richtig zeigen, was in ihm steckte. Nun gab es Teppiche aus Schafgarbe. Spitzwegerich, Löwenzahn und Klee wucherten um die Wette. Und dazwischen immer wieder weiße Margeriten. Plötzlich war der Rasen nicht mehr die Fläche, die ich halt mähen musste, damit der Weg zum Bauerngarten frei war, sondern die Fläche selbst hatte auch etwas zu sagen. Ein Rasen ist quasi ein riesiges Beet, in dem eine Monokultur von Gräsern wächst. Dieses Beet verwandelte sich in eine Wiese. Allein durch die Chance zum Wachstum wurde aus der Monokultur ein vielfältiges Miteinander aus Gräsern und Wildblumen.
Vielfältige Begriffe für Flächen aus Gräsern und Blüten
Angeregt durch diese Veränderung begann der Begriff Blühstreifen in meinem Kopf herumzuspuken. Lange blieben die verschiedenen Begriffe von Blühstreifen über Blumenwiese bis hin zu Bergwiese und Magerrasen unklar. Nicht nur der Rasen braucht Zeit für seine Entwicklung zur Wiese. Auch mein Kopf brauchte diese Zeit und zusätzlich eine mit eigenen Augen sichtbare Veränderung, bis die verschiedenen Puzzlestücke zueinanderpassten.
Blumenwiese
Ein allgemeiner Begriff für eine Wiese mit Blumen. Für Laien und Gartenneulinge ist es am ehesten das Bild, das sie vor Augen haben, wenn es darum geht, den eigenen Garten zu gestalten.
Eines meiner ersten Gartenprojekte im eigenen Garten war solch eine Blumenwiese. Ich vergrub sorgsam ausgewählte Blumenzwiebeln und ergänzte die Fläche um einen Ring aus Gänseblümchen. Ich hatte wohl damals schon vor, einen Blühstreifen anzulegen. Auch wenn ich das als Gartenneuling nicht benennen konnte. Lange hing ich an dem Gedanken fest, eine Blumenwiese bestehe aus Blumen, die auf einer Wiese wachsen und man müsse die beiden nur miteinander kombinieren.
Blühstreifen
Eine Fläche, die umgegraben und mit einer speziellen Saatgutmischung eingesät wird. Blühstreifen sind in den letzten Jahren aus zwei Gründen populär geworden:
1 Sie sind weniger Arbeit für die Stadtwerke und sehen viel freundlicher aus als die sogenannten Grünflächen, an deren Stelle nun etwas blüht.
2 Zur Unterstützung der Artenvielfalt werden sie auch an Feldrändern angelegt.
Bei Tempo 80 auf der Umgehungsstraße sieht alles schön aus, was irgendwie bunt ist. Im eigenen Garten fällt dann plötzlich auf, dass die Hälfte der Blüten längst welk ist.
Anfangs dachte ich, ein Blühstreifen, das ist so wie Radieschen aussäen nur für Erwachsene. Inzwischen weiß ich, dass Blühstreifen eine halbe Wissenschaft sind. Es gibt für jeden Boden und jedes Klima spezielle Saatgutmischungen.
Bergwiese / Magerrasen
Eher eine Landschaftsform, wie „Wald“ oder „Feld“. Bergwiesen entstehen in einem Miteinander aus Wetter, Boden und Tierwelt „von allein“ und erhalten sich (idealerweise) auch allein. Mittlerweile werden sie oft gepflegt, um ihre Artenvielfalt zu erhalten. Bergwiesen sind oft Magerrasen (d.h. arm an Nährstoffen), aber das muss nicht so sein.
Eine (Berg-)Wiese unterscheidet sich grundlegend von einem Blühstreifen. Beides blüht und ist eine Bereicherung für Mensch und Tier, doch die Wege zu dem einen oder anderen sind grundverschieden.
Daher ist es wichtig, zu wissen, was im eigenen Garten entstehen soll:
– Ein Blühstreifen wie auf der Verkehrsinsel am Ortseingang?
– Eine Wildblumenwiese, wie man sie von Wanderungen in den Mittelgebirgen kennt?
– Eine Fläche im Garten, die so aussieht wie auf der Saatgutpackung?
Alles davon ist möglich, aber es sind völlig unterschiedliche Projekte.
Als ich mich intensiver mit der Planung beschäftige, tauchen weitere Fragen auf. Wie lange darf es dauern, bis das Ergebnis so ist wie gewünscht? Wem soll es gefallen: Den Wildbienen, den Nachbarn oder nur mir selbst? Wie bei den allermeisten Projekten lässt es sich beliebig kompliziert gestalten oder man kann – kurz bevor man wahnsinnig wird und den Garten aus schierer Verzweiflung in eine Thujawüste umgestaltet – in sich gehen und fragen „Was will ich wirklich?“. Bei dieser Frage kristallisieren sich drei Dinge heraus:
– Ich möchte die bestehende Fläche aus ehemaligem Rasen, Duftveilchen, Schafgarbe, Scharbockskraut und Gänse-blümchen als Basis für eine wilde Wiese verwenden.
– Meine wilde Wiese soll um weitere Wildblumen ergänzt werden: Dies können Wiesenstorchschnabel und Wiesenwitwen-blumen sein. Rainfarn, Waldnelken und Mädesüß lassen sich vielleicht am Rand der Wiese ansiedeln. Alle diese Wildblumen wachsen in der näheren Umgebung. Sie kennen und mögen also die klimatischen Bedingungen der Region.
– Einjährige Sommerblumen wie Ringelblumen, Cosmea und Zinnien sehe ich auf der Wiese eher als Experimente.
Dies ist meine persönliche Antwort auf die Frage, wie eine Fläche aus Blüten und Gräsern entstehen soll. Mein Ziel ist also eher eine wilde Wiese als ein Blühstreifen. Aber jede andere Antwort ist ebenso richtig.
Der Weg zur Wildblumenwiese
Der erste Schritt ist seltener zu mähen und den Rasen ein paar Jahre lang machen zu lassen. Die offiziellen Magerwiesengestaltungsratgeber werden sicherlich einwenden, dass dies nicht ausreicht. Stattdessen schlagen sie vor, die Grasnarbe abzuschälen und den Garten neu mit magerem Boden aufzufüllen.
Doch ist das wirklich notwendig? Weshalb soll die vorhandene Erde mit all ihren gewachsenen Strukturen und der belebten Vielfalt aus Pflanzen und Mikroorganismen entsorgt werden, damit Platz ist, um neue Erde heranzuschaffen? Zeit, Kraft und Geld für diesen Arbeitsschritt kann ich besser für andere Aufgaben einsetzen. Es dauert deutlich länger, aber wer zwingt mich denn, dass solch ein Projekt in einigen Wochen abgearbeitet ist? Im Laufe der Zeit wird der Rasen auch ohne mein Zutun mager und vielfältig.
‚Der Löwenzahn verschwindet bereits mehr und mehr aus meiner Wiese. Scharbockskraut und Schafgarbe, die inzwischen überall wuchern, gab es bei unserem Einzug nicht. Wenn der Standort passt, dann siedeln sich die Pflanzen selbst an. Die sogenannte Pflege des Rasens sorgt mit viel Aufwand an Zeit und Kraft dafür, dass sich die natürlich vorhandenen Pflanzen nicht ausbreiten. Während ich mich im Gemüsebeet anstrenge, dass der Salat gut wächst, sorge ich auf dem Rasen mit noch mehr Mühe dafür, dass etwas nicht wächst!
Statt den Rasen zu „pflegen“, bietet es sich an, in der gewonnenen Zeit ein Wiesen-Notizbuch anzulegen und aufzuschreiben, welche Pflanzen sich von allein ansiedeln. Einige sind sicher längst da und werden nur durch das regelmäßige Mähen unterdrückt. Nach zwei, drei eintönigen Jahren wird aus dem Rasen von allein eine Blumenwiese! Der Rasen ist dann vielfältiger und blühender. Nur eines ist er nun nicht mehr: Ein echter Rasen. Stattdessen gibt es Moos in den schattigen Bereichen und in den sonnigen Lagen breitet sich die Schafgarbe aus. Die Gräser blühen, weil sie hoch genug werden dürfen.
Nach mehreren Jahren der Selbstentfaltung meiner Wiese beginne ich nun, die weitere Entwicklung aktiv zu unterstützen. Bei allen Wegen durch die Natur beobachte ich, welche Pflanzen freiwillig am Wegesrand wachsen. Wie heißt diese Pflanze? Wann blüht sie? Lässt sie sich durch Saatgut ansiedeln? Gibt es in meinen Nachbargärten vielleicht bereits Exemplare, von denen ich Ableger bekommen kann? Ich nehme mir dafür die Magerwiesen der Rhön als Vorbild. Ich bin gerne und oft in dieser Landschaft und sammle dort Ideen für den eigenen Garten. Achtung: In der Rhön steht vieles unter Naturschutz. Also nichts ausreißen oder mitnehmen! Dies gilt genauso für viele andere Erholungsregionen. Ideen gibt es dort reichlich und wieder zu Hause lässt sich im Internet meist recht schnell herausfinden, welche Blüte da vor die Kamera geraten ist.
Wenn ich Saatgut sammeln oder kaufen kann, dann säe ich zuerst in Töpfe. Einfach auf die Wiese werfen, das funktioniert nicht. Bei dem Versuch verlor ich leider viele meiner gesammelten Saatgutschätze. Also noch einmal Geduld und das eine oder andere Jahr abwarten, wie die Pflanzen sich entwickeln, um sie dann auszuwildern.
Keine Anleitung ist perfekt – Einfach mal machen!
Auch wenn ich gerade selbst eine Art Anleitung schreibe, so weiß ich, dass Anleitungen oft nicht so funktionieren wie geplant. Es gibt keinen allgemeingültigen 10-Punkte-Plan für eine Naturwiese. Das fängt schon damit an, dass jeder eine andere Wiese vor Augen hat, die er sich für den eigenen Garten wünscht. Meine Tipps & Ideen sind:
1 Einfach mal anfangen.
2 Die Hälfte des Rasens „verwildern“ lassen – wenn man es ertragen kann, dass dort in den ersten Jahren nur Quecke und Löwenzahn wachsen.
3 Abmagern kann man durch Austausch der Erde oder durch Abwarten. Vielleicht gibt es an anderer Stelle in Haus und Garten genug zu tun, sodass der Rasen zwei, drei Jahre allein auf sich aufpassen kann.
4 Jedes Jahr Fotos machen und aufschreiben, was sich gerade ändert. Allein dies ist ein spannendes Projekt.
5 Wenn jeden Monat eine oder zwei ungewöhnliche Pflanzen blühen, ist das schon ein großer Erfolg.
6 Saatgut am besten in der eigenen Region sammeln und gezielt anzüchten, bevor die Pflanzen auf die Wiese dürfen.
7 Die Zeit von der Idee bis zur wilden Wiese nicht als Verlust buchen. Es ist ein Gewinn, nicht mehr Rasen-mähen zu müssen, und es bleibt viel Zeit für andere Dinge!
8 Punkt acht bis zehn stehen zur freien Verfügung.
Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Wildflowers ahead!“
In Gärten blühen meist die Pflanzen aus dem Gartencenter oder dem Staudenversand. Was ist mit den Pflanzen, die ganz freiwillig in meiner Region wachsen? Ist das alles Unkraut, nur weil es nichts kostet oder achtlos neben der Landstraße wuchert?
Es ist eine Bereicherung, die Grenzen zwischen Natur und Garten etwas durchlässiger zu gestalten. Nicht alles, was am Feldrand wächst, ist gleich ein Unkraut, das aus einem ordentlichen Garten vertrieben werden muss.
„Wildflowers ahead!“ ist die Anregung einen Naturgarten nicht nur im Fernsehen oder in Gartenzeitschriften zu bewundern, sondern Elemente davon auch im eigenen Garten umzusetzen.
ISBN 9783696378226 / 18 € / Überall im Buchhandel z.B bei amazon oder im Shop von Book on Demand
Viel Spaß beim Lesen, Uhle im Garten
