Naturgarten ist ein schönes Thema – solange es in Büchern und im Fernsehen vorkommt. In der Praxis ist man schnell hin- und hergerissen zwischen den eigenen Ideen und der wuchernden Wirklichkeit. Dazu kommen ungebetene Kommentare, dass Gemüseziehen völlig unrentabel und so ein ungepflegter Garten doch auch eine Zumutung für die Nachbarn sei. Umso wichtiger ist es, im eigenen Kopf eine Idee zu haben, wie der Garten sein soll:
― Was ist für mich ein Naturgarten?
― Möchte ich aktiv Brennnesseln anpflanzen, weil ich bestimmte Schmetterlinge ansiedeln will?
― Wie viel der Natur, die sich selbst ansiedelt, will ich in meinem Naturgarten dulden?
Garten ist nicht einfach ein Stück Land, das ich in Reihen aufteile und dem ich die Saatguttüten zuordne. Der Garten ist mehr als die Ansammlung von Pflanzen! Garten ist eine Lebensweise. Dies ist ein wichtiger Baustein im Konzept des Naturgartens. Für mich beinhaltet diese Lebensweise, nicht alle zwei Jahre ein neues Smartphone zu kaufen, sondern die begehrten Seltenen Erden dort zu lassen, wo sie sind – in der Erde.
Vielleicht ist dies der wirkliche Grund für die abfälligen Kommentare zu Unkrautgärten und Selbstversorgerträumen. Da tanzt jemand aus der Reihe. Da macht einer nicht mit beim modernen Leben aus „Höher-Schneller-Weiter“. Das kratzt am Lebenskonzept von Mr. Wichtig und Fräulein Modepüppchen. Und überhaupt, weshalb ist ein neues Smartphone völlig normal, aber eine Salatpflanze muss sich einer Rentabilitätsdiskussion stellen?
Natur ist nur das, was von selbst wächst. Garten ist immer Veränderung, Pflege und Eingriff. Ein Naturgarten ist eine Gratwanderung zwischen diesen beiden Extremen. Die Natur in meinem Garten besteht aus Giersch, Quecke und Gundermann. Ich habe nicht vor, den gesamten Garten der Selbstorganisation zu überlassen. Ich suche aktiv nach einem Mittelweg, um die Vielfalt zu erhalten und trotzdem nicht überwuchert zu werden.
Ich orientiere mich an anderen Gartenbloggern und an Gartenzeitschriften wie z. B. kraut&rüben. Ein „mach‘s gleich richtig“ gibt es dabei nicht. Jeder Garten ist anders. Und jeder Gärtner sowieso. Mit jedem Gartenjahr lerne ich dazu und erlebe, wie aus vielen Mosaiksteinen ein Ganzes wird.


Schafgarbe, die sich in den Fugen der Wege einnistet
In den Fugen des Plattenweges von der Terrasse zum Hochbeet siedelt sich eine Schafgarbe an. Schafgarbe ist ein wertvolles Heilkraut. Ich lasse sie gewähren, auch wenn ich gerade keine passende Krankheit habe, für die ich sie bräuchte.
Drei Wochen später gesellen sich Quecke, Pyrenäen-Storchschnabel und Pimpinelle zur Schafgarbe hinzu und teilen sich die Fugen untereinander auf. Und nun? War es das dann mit der Vision von Heilkräutern in den Fugen der Gartenwege? Die Theorie klingt überzeugend. Mit einer einzelnen wilden Schafgarbe oder gar aktiv gepflanzten Thymianpolstern sieht es so gut aus, dass ich es sofort nachmachen möchte. Nur werden nie Fotos gezeigt, wie die Wege nach einem halben Jahr aussehen. Bei mir nistet sich in jeder Fuge ein anderes Wildkraut ein und die Schafgarbe, mit der alles anfing, ist mittlerweile 50 Zentimeter hoch. Diese Art Naturgarten ist keine Verbesserung. Im Gegenteil, durch die verwilderten Wege habe ich im Vergleich zum regelmäßigen Jäten das Mehrfache an Arbeit.
Die einzelne Schafgarbe lasse ich unbedingt stehen. Auch um jede Pimpinelle bin ich froh. Sie sucht sich jedes Jahr neue Stellen und lässt sich nicht verpflanzen. Aber alles andere muss gehen. Regelmäßig und immer dann, wenn es noch so niedrig ist, dass ein leichtes Auszupfen ausreicht.
Aus dem Vorzeigerasen wird eine Blütenwiese
Es wird kaum gelingen, das normale Gras zu mähen und die willkommenen Wildblüten wie das Scharbockskraut zu verschonen. Wenn ich jedoch vollständig auf das Rasenmähen verzichte, damit sich die Wildblüten ausbreiten können, wird auch der Giersch die Fläche erobern. Eine solche Einladung lässt sich der Giersch nicht entgehen. Zumindest in meinem Garten.
Also vielleicht die aktuelle Rasenfläche in Rasen und Blütenwiese aufteilen? Vielleicht … Es ist auf jeden Fall eine neue Erkenntnis, dass schon vieles im Rasen steckt. Ich muss ihn nur einmal wachsen lassen, anstatt immer wieder mit dem Rasenmäher über die aufkeimende Vielfalt zu fahren.
Es darf einfach sein
Zum Naturgarten gehört auch, die Pflanzen nicht nur für den Sommer zu planen. Der Garten ist das ganze Jahr da. Er verschwindet nicht, wenn es kalt und dunkel ist und ich zur Winterpause ins Haus gehe.
Die Pflanzen, die die Natur in meinen Garten bringt, kommen mit Klima und Boden gut zurecht. Daran nehme ich mir ein Vorbild und mache es genauso. Wenn ich keine Kamelien habe, brauche ich auch keine Panik vor der ersten Frostnacht zu haben. Bei mir wachsen stattdessen Hortensien, die den Winter auch im Freien überstehen. Brauche ich denn zusätzlich unbedingt noch verfrorene Kamelien in Kübeln?
Ich nutze Kübel fast nur noch für Pflanzen, die von sich aus einjährig sind: Sommerblumen als Dekoration und Gemüsepflanzen, die gezielte Düngung und Wasser brauchen. Im Winter kann der leere Kübel an Ort und Stelle bleiben. Im nächsten Jahr wird er neu mit Cosmea, Zinnie und Zucchini gefüllt.
Tägliche Überraschungen im Naturgarten
Ein Naturgarten ist ein Paradies für Beobachter. Jeden Tag gibt es neue Entdeckertouren im eigenen Garten: Im Frühjahr ist es ein bewegendes Schauspiel, zu beobachten, wie sich die frischen Blätter und Blüten entfalten. Jeden Tag rollt sich das Farnblatt weiter aus. Oder wer hat schon einmal die Blüten der Johannisbeeren beobachtet?
Je naturbelassener der Garten ist, desto spannender und überraschender sind die Beobachtungen. Im Naturgarten wachsen nicht nur die selbstausgesäten Kohlrabi und die Stauden treiben an genau der gleichen Stelle frisch aus wie im letzten Jahr. Die Natur bringt Abwechslung und Überraschung in den Garten, die es zu erkunden lohnt:
― Taubnesselblätter sehen auf den ersten Blick der Zitronenmelisse ähnlich. Gerade wenn die Pflanzen im Februar/ März noch winzig sind und ich mich über die ersten Blätter Zitronenmelisse freue.
― Zwischen Giersch und Lerchensporn blüht unter der Hainbuchenhecke eine einzelne Knoblauchsrauke.
― Wirsing ist winterhart und blüht im Mai.
Einfach mal anfangen
Je nachdem, welches Buch oder welchen Blog ich lese, bräuchte ich erst einmal ein Netzwerk an lokalen Biogärtnern, bevor ich auch nur einen einzigen Salatkopf pflanzen kann. Wäre der Salat dann gepflanzt, suchte ich mir eine naturbelassene Streuobstwiese, um genügend biologisch erzeugten Grasschnitt als Mulchmaterial zu haben. Das ist alles so übermäßig perfekt, dass ich als normaler Gärtner gar nicht erst anfange.
Ich kann nur mit mir selbst anfangen! Ich kann nur mit dem anfangen, was da ist. Ich nutze gerne neue Gelegenheiten, die sich bieten. Aber ich warte nicht ab, bis es in meinem regionalen Hofladen Biosetzlinge von Roter Bete gibt. Die regionale Wirtschaft kennenzulernen und sich dabei zu engagieren, sie auf Nachhaltigkeit umzustellen, ist eine tolle Sache. Ich mache da gerne mit, aber ich kann nicht abwarten, bis das alles geschehen ist und dann erst mein Gemüsebeet bepflanzen. Irgendetwas muss ich auf dem langen Weg zur Nachhaltigkeit ja auch essen. Also einfach mal losgehen. So gut es geht. Und wenn jemand eine bessere Idee hat, schließe ich mich an.
Neues lernen und Ideen umsetzen
Ich lerne im Garten immer wieder Neues. Es ist ein Lernen ganz nebenbei. Nicht wie früher in der Schule, wenn „Plutimikation“ auf dem Plan stand und jeder, ob er wollte oder konnte, mitmachen musste. In den letzten Jahren lernte ich das Mulchen kennen. Ich fing mit den Tomatenkübeln an. Durch das Mulchen musste ich weniger gießen. Gleichzeitig war die Erde gleichmäßiger feucht und die Tomaten platzten seltener auf.
Mir ist es wichtig, neue Ideen so umzusetzen, wie es zu meinem Garten und Leben passt. Ja, das ist schwieriger, als jedes Wochenende den Rasen zu mähen, weil „man das so macht“. Es dauert einige Jahre, bis ein Naturgarten nicht einfach nur verwildert ist, sondern ein harmonisches Miteinander. Egal, was ich als Gärtner bereits in der Theorie weiß, ich muss mit dem vor mir liegenden Stück Land arbeiten.
Es ist ein großer Bogen vom Ressourcenschonen über das Unkrautjäten bis zu einem nachhaltigen Leben. Ich stehe auch erst am Anfang und arbeite daran, die passenden Teile für mein Garten- und Lebenspuzzle zu finden. Nicht alles davon lässt sich mit dem Anbau von Tomaten oder Rezepten für Gierschgemüse beantworten. Unterwegs wird es noch viele weitere Fragen und Erlebnisse geben. Wie ist das mit Öko- und CO2-Bilanzen? Warum ist Fleischerzeugung so oft mit Tierquälerei verbunden, ohne dabei gegen Gesetze zu verstoßen? Gleichzeitig muss auch nicht jeder Biolandwirt werden. Aber anfangen, jeder bei sich, das geht. Mein Anfang sind Tomaten, Heilpflanzen und dieses Buch. Während ich schreibe, werden mir Zusammenhänge bewusster, ich leite daraus meine nächsten Gartenpläne ab und vielleicht gelingt es, eine Anregung für andere zu sein. Was ist dein Anfang?

Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch „Wildflowers ahead!“
In Gärten blühen meist die Pflanzen aus dem Gartencenter oder dem Staudenversand. Was ist mit den Pflanzen, die ganz freiwillig in meiner Region wachsen? Ist das alles Unkraut, nur weil es nichts kostet oder achtlos neben der Landstraße wuchert?
Es ist eine Bereicherung, die Grenzen zwischen Natur und Garten etwas durchlässiger zu gestalten. Nicht alles, was am Feldrand wächst, ist gleich ein Unkraut, das aus einem ordentlichen Garten vertrieben werden muss.
„Wildflowers ahead!“ ist die Anregung einen Naturgarten nicht nur im Fernsehen oder in Gartenzeitschriften zu bewundern, sondern Elemente davon auch im eigenen Garten umzusetzen.
ISBN 9783696378226 / 18 € / Überall im Buchhandel
Viel Spaß beim Lesen, Uhle im Garten
