20 Gartengedanken in einem Text – Best of 2018

1 Die Ermordung des Toasters und andere Winterarbeiten

Dies ist nun der dritte Winter von Uhles Gartengedanken. Seit ich den Winter als Gärtner nicht nur erlebe, sondern auch darüber schreibe, setze ich mich viel intensiver damit auseinander. In allen anderen Jahreszeiten ist fast von alleine klar, was gerade zu tun ist. Es stellt sich höchstens die Frage, ob ich das was zu tun ist, auch alles schaffe. Winterarbeiten sind dagegen ein ganz anderes Thema. Bei den Winterarbeiten gilt es zunächst überhaupt zu entdecken, welche das denn sein könnten. Ich überlege dann schon in den ersten Januartagen, was ich bereits jetzt tun könnte, damit ich im März gut starte. Immer wieder ist es eine Mischung aus eigener Ungeduld und den Einflüsterungen der Gartenzeitschriften, dass es doch möglich sein müsste, mit den Wintertagen auch etwas gärtnerisches anzufangen. Während ich also wieder einmal über Winterarbeiten nachdenke, fällt mein Blick auf zwei meiner experimentellen Aquarelle: „Die Ermordung des Toasters“ und „Der Seele gelingt die Flucht“. Mensch, das sind sie! Das sind meine Winterarbeiten! Der Garten hat jetzt halt mal Pause. Statt mich schon im Januar mit den richtigen Aussaatterminen verrückt zu machen, ist jetzt einfach mal Zeit für Dinge, die im Sommer, wenn sich alles um den Garten dreht, zu kurz kommen!

2 Vogelmiere

Frisches Gemüse aus dem eigenen Garten, wird zurzeit immer seltener. Im Supermarkt sind die Regale zwar etwas leerer als im Sommer, aber reichlich Auswahl gibt es trotzdem. Über Tomaten im Januar muss ich erst gar nicht nachdenken. Der Tomatenanbau funktioniert offenbar selbst auf industrieller Basis nur im Sommer. Ich habe gelesen, dass im Winter Tomatenmarkt und Ketchup mehr Vitamine enthalten als frische Tomaten. So laufe ich dann nachdenklich abwechselnd durch den Supermarkt und den eigenen Garten und schaue, ob es nicht doch etwas gibt, das sich verwenden lässt. Spinat, Feldsalat und Portulak würde es geben, aber ich habe falsch / nicht genügend ausgesät. Heute Morgen habe ich nun, Bestandteile für einen grünen Smoothie gesucht und habe mir daher alles, was irgendwie grün ist angesehen. Ein paar Pflänzchen halten sich wacker. Bei vielen Blättern, die noch grün sind, habe ich allerdings den Eindruck, dass sie nicht wachsen oder auf andere Weise besonders lebendig sind, sie sind halt einfach noch nicht erfroren oder zu Kompost zerfallen. Bei meiner Suche fallen mir zwei Pflanzen auf, die einen überraschend vitalen Eindruck machen: Pimpinelle und Vogelmiere.

Ich habe Vogelmiere (Stellaria media) bisher nur als ausdauerndes aber freundliches Unkraut wahrgenommen. In der einer Zeit, in der kaum frisches Gemüse zu finden ist, werde ich diese Einschätzung überdenken. Vielleicht sage ich dann demnächst statt Unkraut: Die Vogelmiere ist ein sommerannueller Kriech-Therophyt (…) mit spindelförmiger Flachwurzel. Ist das nicht ein wunderbarer Satz? Vielen Dank an Wikipedia für diese wissenschaftlich-lyrische Beschreibung. Die Vogelmiere ist eine von 200 verschiedenen Arten der Sternmieren. In Wäldern und an Bachläufen sind oft die Große Sternmiere (Stellaria holostea, Foto) und die Bach-Sternmiere (Stellaria alsine) zu entdecken. Ob man diese ebenfalls als Salat verwenden kann weiß ich nicht und beschränke mich daher auf die Vogelmiere aus dem Garten.

Vogelmiere enthält Vitamin C sowie Mineralstoffe wie Zink und Eisen. 50 Gramm Vogelmiere sollen bereits ausreichen, um den Tagesbedarf an Vitamin C zu decken. Liegt das nun daran, dass in Vogelmiere besonders viel Vitamin C enthalten ist oder eher daran, dass der Tagesbedarf überraschend niedrig ist? Nachdem ich mich mit einer ganzen Reihe von Pflanzen im Garten intensiv auseinandersetze, frage ich mich mittlerweile, weshalb bei jeder Pflanze als erstes betont wird, wie viel Vitamin C sie hat. Ist Deutschland ein Mangelgebiet für Vitamin C? Ich habe den Eindruck, dass es kaum eine Pflanze gibt, die nicht damit gelobt wird, sie habe mehr Vitamin C als Zitronen. Vielleicht sind ja Zitronen einfach nur sauer und enthalten neben Zitronensäure nicht zusätzlich noch Ascorbinsäure (Vitamin C)? Unabhängig davon, welche Pflanze nun also viel, sehr viel oder ausnahmsweise gar kein Vitamin C enthält, ich denke, es ist das Vitamin, um dessen Versorgung ich mir am wenigsten Sorgen machen muss.

Bleiben also noch Mineralstoffe wie Kalium, Eisen und Zink. Je nachdem, wo ich nachlese, sind die Angaben dazu sehr unterschiedlich. Zudem hängt der Mineralstoffgehalt von der Jahreszeit und dem jeweiligen Garten ab. Selbst wenn ich genau wüsste, wie viel Milligramm Eisen in meiner heute gesammelten Vogelmiere enthalten sind, was würde dies für mich bedeuten? Würde ich sagen „Heute ist mein vegetarischer Tag, also möchte ich darauf achten meinen Bedarf an Eisen auf andere Weise zu decken“? Nein, das würde ich nicht. Genausowenig wie ich jetzt die Briefwaage vom Schreibtisch hole, um 27,5 Gramm an fedrig leichtem Vogelmierekraut von 34,8 Gramm zu unterscheiden.

Doch HALT! Die Vogelmiere kann nichts dafür, dass es auch zahlreiche weniger hilfreiche Artikel im Internet über sie gibt. Ich freue mich darüber, selbst an einem Wintertag wie heute, etwas frisches Grün im eigenen Garten zu finden. Völlig ohne Aussaat, Gewächshaus und Ladenöffnungszeiten bekomme ich zumindest eine handvoll Nährstoffe. Für eine Schüssel Salat nur aus Vogelmiere müsste ich jetzt im Januar fast den gesamten Garten plündern. Ich belasse es lieber bei täglichen Smoothie-Portionen. Für das restliche Gartenjahr habe ich heute gelernt, die Vogelmiere als Wildsalat zu schätzen. Die Diskussion um den konkreten Gehalt an bestimmten Inhaltsstoffen, soll führen, wer will. Ich entscheide mich dafür, Vogelmiere ganz allgemein als gesunde Wildpflanze anzusehen.

3 Tomate im Januar: Cocktailtomate Ruthje überwintern

Im Frühjahr und Sommer bin ich immer wieder davon überrascht, wie robust Tomaten sind. Ein abgebrochener Seitentrieb wächst ohne Probleme in einem neuen Topf weiter und im Herbst heruntergefallene Tomaten keimen im nächsten Frühling von ganz alleine. Wenn Tomaten also gar nicht so empfindlich sind, wie ich bisher dachte, dann ist es vielleicht doch auch möglich sie über den Winter zu bekommen. Meine Eltern überwintern regelmäßig ihre Geranien. Ob das vielleicht auch mit Tomaten möglich ist? Ich habe dazu im letzten Herbst ein Experiment gestartet. Noch ist nicht entschieden, ob es gelingt. Die Tage werden wieder länger, der Zenit des Winters  ist überstanden – zumindest in Bezug auf die Helligkeit. Die ist ein guter Zeitpunkt einen Zwischenbericht zu erstellen.

1. Versuch: Seitentrieb

Möglichst spät in der Tomatensaison lasse ich zwei Seitentriebe stehen. Als sie etwa 15 Zentimeter lang sind, breche ich sie heraus und stelle sie in eine Vase, damit sie Wurzeln ziehen. Die Tomatentriebe fühlen sich auf dem Fensterbrett sichtlich wohl, entwickeln Wurzeln und wachsen sogar etwas weiter. Ich gehe allerdings davon aus, dass sich Tomaten nicht den ganzen Winter über als Hydrokultur halten lassen und pflanze die bewurzelten Triebe in Blumentöpfe. Dieser Schritt funktioniert dann leider nicht. Die Pflanzen halten sich zwei Wochen tapfer, und dann gehen sie ein. Ich werde den Versuch mit Hydrokultur in diesem Herbst wiederholen und erst im Frühjahr 2019 in Töpfe setzen.

2. Versuch: Ganze Pflanze

Die Tomatensaison ist längst vorbei. Die abgeernteten Tomatenpflanzen stehen noch im Garten. Im Haus sind mir gerade die Pflänzchen aus dem 1. Versuch eingegangen und ich bin schon dabei die Idee Wintertomate aufzugeben, als ich an einer der Cocktailtomaten frische Seitentriebe entdecke. Kurzentschlossen grabe ich die ganze Pflanze aus, schneide sie in 50 Zentimeter Höhe ab und setze sie in einen großen Blumentopf. Ich bin überrascht, wie klein der Wurzelballen einer Tomatenpflanze ist. Aus so wenig Wurzeln werden eine große Pflanze und eine reiche Ernte? Alle Achtung! Die eingetopfte Ruthje Tomate kommt auf die sonnigste Fensterbank und wird verlässlich gegossen. Regelmäßig aber nicht zu viel. Und sie wächst! Seit Ende Oktober ist die Pflanze nun im Haus und es sieht so aus, als ob sie es durch den Winter schafft.

In zwei Wochen werde ich neu aussäen und bin sehr gespannt, wie sich meine Wintertomate zwischen den neuen Pflänzchen macht. Wird die Pflanze aus dem letzten Jahr erneut fruchten? Vielleicht sogar früher als die neu ausgesäten? Die Tomaten jedes Jahr frisch auszusäen ist kein Hexenwerk. Wenn es zusätzlich gelingt ganze Pflanzen über den Winter zu bekommen, so wäre das eine Ergänzung. Für Hybride wäre es die einzige Methode, nicht jedes Jahr neues Saatgut kaufen zu müssen.

4 Das Saatgut ist da!

Ein bisschen ist es wie an Weihnachten oder Geburtstagen beim Geschenkeauspacken. Ja, ich weiß, ich habe es selbst ausgesucht, ich weiß also, was im Päckchen ist bevor ich es auspacke. Und geschenkt bekomme ich es auch nicht. Dennoch! Vielleicht steckt auch in den kleinen Saatguttütchen einfach schon ein Teil der Freude, die beim Ernten der Früchte und Pflücken der Blumen entstehen wird.

Ich räume den Schreibtisch frei und versammele sämtliche Vorräte und einen Extrastapel mit den neu erworbenen Schätzen. Saatgut ist wahrlich ein Schatz. Einer, der zu wenig gewürdigt wird, steckt in ihm doch die Ernte des restlichen Jahres und in früheren Zeiten auch das Wohl und Wehe der gesamten Familie. Mit dem Kauf von samenfesten Sorten, möchte ich dazu beitragen, dass Saatgut frei von Markenrechten und Geschäftsinteressen bleibt. Nur mit samenfesten Sorten kann ich im nächsten Jahr aus der eigenen Ernte wieder neue Pflanzen ziehen oder auch dem Nachbarn von meinen Sorten weitergeben. Das ist mir wichtig, damit Vielfalt und regionale Arten erhalten bleiben. Außerdem möchte ich nicht – nicht einmal auf den kundenfreundlichsten! – Konzern angewiesen sein, ob er meine Lieblingssorten noch für wirtschaftlich sinnvoll erachtet oder ob es sie eines schönen Tages plötzlich nicht mehr gibt.

Auf dem Schreibtisch entstehen nun, fast schon wie im Garten, Bereiche aus Blumen, Tomaten und anderem Gemüse. Die ersten Tomaten werde ich bald aussäen. Da ich jedes Jahr eine kleine Anzahl (50 Stück) verkaufe, müssen die Pflanzen schon deutlich vor den Eisheiligen groß und kräftig sein. Ganz egal, wie genau die Erläuterungen zu den Pflanzen sind, ich stelle fest, dass die größten Pflanzen als erste verkauft sind. Selbst wenn die Pflanzen nach dem Kauf klein bleiben sollen, damit sie auf dem Balkon Platz finden. Für dieses Jahr sind die Sommerblumen der zweite Schwerpunkt. In den letzten Jahren sind die Sommerblumen regelmäßig zu kurz gekommen, weil sich alles um die Tomaten drehte. Nun wird es endlich wieder Töpfe, Kübel und Beete mit Ringelblumen und Zinnien und Cosmea geben. In den Saatguttüten steckt wirklich Freude drin: Die Freude auf einen blühenden Sommer!

5 Wer Visionen hat, ist Gärtner

Das Zitat „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.“ stammt von Helmut Schmidt. Es gibt verschiedene Aussagen dazu, was er damit gemeint hat.

Während auf der Fensterbank die ersten Tomatenkeimlinge sprießen und der Pflanzplan für den März auch die ersten Sommerblumen vorsieht, wirbeln vor dem Fenster die Schneeflocken. Mir wird klar, dass Gärtner und Visionär eigentlich das gleiche bedeuten und dass ich überhauptgarnicht den Eindruck habe, deshalb zum Arzt gehen zu müssen. Der Visionär, genau wie der Gärtner, muss eine so deutliche Vorstellung von etwas Zukünftigem haben, dass er anfängt zu handeln, obwohl alles, was sichtbar vor Augen steht, dagegen spricht.

Nur so kann sich die Welt verändern. Ich muss anfangen zu handeln mit dem Blick auf ein Ziel das noch nicht zu sehen ist. Bei Obstbäumen dauert es teilweise 10 Jahre, bis sie das erste Mal Früchte tragen. Welch eine Vision von Apfelkuchen muss im Kopf des Menschen vorhanden sein, der sich entschließt eine neue Streuobstwiese anzulegen! Wenn ich immer nur das Gleiche und Bekannte wiederhole, werde ich das Ziel des Apfelkuchens nie erreichen. Den Mut anzufangen, obwohl die Umstände dagegen sprechen, das haben Gärtner und Visionäre gemeinsam!

6 Pimpinelle

In spirituell orientierten Kräuter-Büchern ist oft die Rede davon, dass sich in einem Garten diejenigen Kräuter ansiedeln, die der Mensch braucht, der dort wohnt. Anfangs hielt ich das einfach nur für „Spökenkiekerei“. Mittlerweile frage mich, weshalb eine Pflanze – wenn sie denn schon ein beseeltes Wesen ist – das tun sollte? Warum soll sie sich ausgerechnet um den Menschen kümmern? Was unterscheidet aus Sicht der Pflanze, den Menschen von einer Amsel oder einem Igel? Ist unser Glaube an den Menschen als Krone der Schöpfung so tief verwurzelt, dass selbst die Pflanzen dafür herhalten müssen, sich um uns zu scharen?

Andererseits, einfach mal angenommen es wäre wirklich so, dass Pflanzen dort wachsen, wo sie Menschen finden, denen sie zur Hilfe sein wollen. Dann frage ich mich, ob die Pflanzen auch wieder weggehen, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt haben? Vor etwa fünf Jahren hatte sich in meinem Garten an verschiedenen Stellen Pimpinelle (Sanguisorba minor) ausgebreitet. Ich mag das Kraut und mische es gerne in Salate. Aber dann, vor zwei Jahren fehlte sie plötzlich völlig. Ich frage mich wo sie hin ist und was ihr in jenem Jahr nicht behagt hat. Inzwischen habe ich sie aktiv wieder angesiedelt.

Ähnlich wie die Vogelmiere, ist auch die Pimpinelle noch bis tief in den Winter als frisches Kraut im Garten zu finden. In diesem Jahr hat sie bis Mitte Februar ausgehalten, bevor sie der harte Frost dahingerafft hat. Doch kaum ist der Frost vorbei, sieht die Pflanze aus, als sei nichts gewesen. Bei dieser Widerstandsfähigkeit überrascht es mich nicht, dass Pimpinelle auch zur „Grünen Soße“ gehört – allzuviel Auswahl an frischem Grün gibt es jetzt einfach noch nicht. Mittlerweile wird die Grüne Soße das ganze Jahr über gegessen, doch ich kenne sie hauptsächlich als Frühlings- oder Gründonnerstagsessen. Daher muss alles was in die Soße kommt, schon früh im Jahr reichlich wachsen.

Wie bei vielen, für die moderne Supermarktgesellschaft ungewöhnlichen, aber essbaren, Pflanzen – also alles was nicht Kopf-, Feld-, Pflücksalat oder Rucola ist – stellt sich die Frage nach einer heilsamen Wirkung. Ich empfinde es jedoch als völlig ausreichend, dass Pimpinelle gut schmeckt und als frisches Kraut aus dem eigenen Garten vitamin- und mineralienreich ist. Bei Feldsalat fragt ja auch niemand, gegen welche Krankheit er hilft.

Die jungen Blätter der Pimpinelle sind jedes einzeln gefaltet und wirken sehr fragil. Im Laufe des Jahres wird die Pflanze als Ganzes jedoch robust und kräftig, während jedes einzelne Blatt zart und hauchdünn bleibt. Später im Jahr bilden sich kugelige Blüten mit winzigen roten Blütenblättern. Dieser Widerspruch zwischen der Zartheit des einzelnen Blattes und der kräftigen Pflanze führt leicht dazu die Pflanze zu unterschätzen. Genau wie beim Ruprechtskraut mit seinen zierlichen, rosafarbenen Blüten, ist man leicht zu arglos und kaum ein paar Wochen später ist das Gemüsebeet fest in der Hand des angeblich so harmlosen Eroberers. Nach den ersten Schüsseln mit Wildkräutersalat, werde ich im Gemüsebeet kräftig aufräumen, um all die so freundlich daherkommenden Wucherer in die Schranken zu weisen.

7 Magnolienblüte

Jedes Jahr bin ich erneut beeindruckt von der Magnolienblüte! An den noch kahlen Zweigen öffnen sich diese eleganten Blüten. Mittlerweile gibt es vielfältige Farben und Formen und doch sind diese zartrosaweißen Blüten immer noch meine Lieblingssorte.

Der Magnoliengarten in Bad Langensalza ist jetzt auf jeden Fall eine Reise wert. Im ersten Moment, erscheint er überraschend klein, aber fast jeder Strauch / Baum ist anders und wir waren recht lange mit Vergleichen und Bewundern beschäftigt.

8 Küchenschelle – Eine Trockenrasenpflanze im Alltagsgarten

Die Küchenschelle ist eine typische Trockenrasenpflanze. Sie liebt kalkhaltige Böden, viel Sonne und verträgt wenig Konkurrenz durch andere Pflanzen. In unserem Garten ist es zwar sonnig, aber ansonsten findet die Küchenschelle nichts von ihren Vorlieben – und gedeiht trotzdem. Im ersten Frühling nach dem Einzug waren wir an ganz vielen Stellen überrascht, was da plötzlich wuchs. Mindestens die Hälfte der Pflanzen war neu für uns. Wer kennt als Gartenanfänger schon so etwas wie Scharbockskraut, Gamswurz oder Sterndolde? Da war Küchenschelle einfach ein weiterer Name für eine der vielen überraschenden Blüten im eigenen Garten.

Die Küchenschelle kenne ich nun zwar, dafür muss ich auch nach einigen Jahren Gartenblog erst einmal nachlesen, was genau Trockenrasen ist und ob es das gleiche ist wie Magerrasen. Ich dachte bisher, dass „trocken“ und „mager“ sich auf Niederschlag und Nähstoffarmut beziehen. Aber nun lerne ich, Dank Internet, dass es um magere Erträge geht. Der Trockenrasen wiederum ist dann eine spezielle Sorte von Magerrasen. Der geringe Ertrag ist dabei die Folge von Trockenheit. Aber ganz gleich ob wenig Niederschlag oder wenig Ertrag im Vordergrund steht, der Boden in unserem Garten ist weder mager noch trocken. Ich kann über die (theoretischen) Erträge im Sinne einer Weidewirtschaft nichts sagen, aber so oft wie ich eigentlich den Rasen mähen müsste, halte ich ihn eher für ertragreich. Zum Glück waren unsere Vorbesitzer in diesen Punkten genauso ahnungslos und haben die Küchenschellen einfach angesiedelt.

Die Knospen sind eher kleine Wollpüschel. Es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die Strategien der Pflanzen gegen Kälte sind. Andere Pflanzen, die zu dieser Jahreszeit schon blühen, packen ihre Knospen oft möglichst fest ein, während die Küchenschelle sich mit einem wattigen Luftpolster umgibt. Selbst wenn sie schon halb geöffnet sind, sind die Blüten aus der Ferne nur schwer zu erkennen. Da dient die wollige Umhüllung dann eher als Sichtschutz. Ich habe keine Vorstellung davon, ob das beabsichtigt ist oder einfach ein Nebeneffekt, der eher den Menschen auffällt, als der Küchenschelle. Voll aufgeblüht sind sie dann leuchtend unübersehbar.

9 Giersch – Eine Heilpflanze?

„Der Giersch als Heilpflanze? Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen?“ So oder so ähnlich höre ich schon die Reaktion der Leser. Andere mögen vielleicht – deutlich vorsichtiger – sagen, „Ach schön, dass einmal jemand eine Lanze für dieses übel gescholtene Kraut bricht“. Ich selbst stehe zwischen beiden Gruppen und kann die eine wie die andere verstehen. Gerne wäre ich wenigstens 80% des Gierschs in meinem Garten los und ich würde es wahrlich nicht vermissen, wenn ich die Gemüsebeete nicht monatlich entgierschen müsste. Auch Susanne Wiborg schrieb bereits 2005 in einem Artikel in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Im Kampf gegen den Giersch zeigt sich die Vergeblichkeit des menschlichen Tuns“. Andererseits ist der Gedanke von Jürgen Dahl, dass es sich bei Giersch um ein anspruchsloses Dauergemüse handelt eine wirklich neue Idee. Kein anderes Gemüse ist so dauerhaft verfügbar und benötigt so wenig Pflege. Aus diesem Blickwinkel ist es völlig unverständlich, dass der Giersch einen so schlechten Ruf hat. Unkraut oder Gemüse, darüber lässt an anderer Stelle noch einmal ausführlicher nachdenken, aber Heilkraut? Hm, nun ja, vielleicht Ja, vielleicht aber auch nicht.

Ich lese immer wieder dass nach der Signaturenlehre der lateinische Namens des Gierschs, Aegopodium podagraria ( = Ziege und Füßchen), auf die Behandlung von Gicht in Füßen hinweist. Was hat es also mit der Signaturenlehre und dem Giersch auf sich? Die Signaturenlehre wurde durch den Arzt und Alchemisten Paracelsus (1538 – 1615) schriftlich formuliert. Die Inhalte sind sicherlich deutlich älter. Die Angaben, die ich dazu finden konnte sind alle recht vage und nutzen Formulierungen wie „bereits im Altertum“ ohne dabei konkrete Jahrhunderte, Orte oder Namen zu nennen. Andere Quellen benennen Paracelsus direkt als Erfinder der Signaturenlehre. Die vereinfachte Idee der Signaturenlehre ist, dass Dinge oder Wesen, die gleich aussehen oder andere gleiche Eigenschaften wie Farbe oder Geruch haben, in einer Beziehung zueinander stehen. Ein anschauliches Beispiel ist die Walnuss, deren Aussehen eine Ähnlichkeit mit dem menschlichen Gehirn hat und die tatsächlich Substanzen enthält, die für das Gehirn hilfreich sind. Zu einer Zeit, in der viele der heute selbstverständlichen Erkenntnisse der Naturwissenschaften noch unbekannt waren, war die Signaturenlehre ein Ansatz die Welt um uns herum zu verstehen und Erkenntnisse für den Alltag daraus abzuleiten. „Die alten Römer“, die noch deutlich vor Paracelsus lebten, sollen Giersch angebaut haben, um ihn im Falle eines Gichtanfalls griffbereit zu haben. An solch einer Aussage, habe ich doch erhebliche Zweifel. Abgesehen von hochgiftigen Pflanzen wie Fingerhut oder Blauer Eisenhut, ist eine sofortige Wirkung bei Pflanzen eher etwas untypisches und passt eher zum Kortisonspray beim Asthmaanfall als zum Wildkräutersalat.

Doch was ist nun mit dem Giersch und der Gicht? Dafür habe ich ersteinmal angefangen mich mit der Gicht zu beschäftigen, damit ich eine Chance habe zu verstehen, gegen was der Giersch da überhaupt helfen soll. Stark vereinfacht geht es bei Gicht um zu viel Harnsäure im Blut. Ich habe mich daher mit den chemischen (Woraus besteht Harnsäure?) und medizinischen (Wie entsteht sie im Körper und wie wird sie verarbeitet?) Zusammenhängen beschäftigt. Harnsäure ist ein natürlicher Bestandteil des menschlichen Stoffwechsels. Wenn jedoch zu viel davon vorhanden ist, dann bildet die Harnsäure Kristalle, die sich in den Gelenken ablagern und Schmerzen verursachen. Bei aller Wichtigkeit der genauen medizinischen Details, lässt sich das Krankheitsbild Gicht mit den wenigen Worten zusammenfassen: Iss weniger Fett und trinke viel Wasser. Was die Wirkung des Gierschs als Heilpflanze angeht, so konnte ich zwar viele allgemeine Aussagen finden, aber im Gegensatz zu anderen Heilpflanzen, fehlen beim Giersch dafür naturwissenschaftliche Belege. Selbst die Naturheilkunde belässt es bei vagen Andeutungen. Der Hinweis, auf die Römer und deren Anbau von Giersch reicht mir als Nachweis nicht aus.

Ich selbst werde dem Giersch im Garten einen Platz zugestehen, an dem er sein darf, ihn als Salatbeigabe schätzen und sicherlich das ein oder andere Experiment mit Giersch als Nutzpflanze wagen. Giersch ist ein gesundes Gemüse, das im eigenen Garten immer frisch und allein schon deshalb vitamin- und mineralstoffhaltiger als gekaufte Ware ist, aber einen therapeutischen Nutzen als Heilpflanze sehe ich bisher nicht.

10 Waldmeister – Es duftet und wuchert durch den Bauerngarten!

Vor einigen Jahren habe ich zwei winzige Töpfchen Waldmeister (Galium odoratum) geschenkt bekommen. Ich hatte sie in einen vergrabenen Eimer gepflanzt, damit sie mir nicht verloren gehen und ich im nächsten Frühjahr gezielt danach suchen kann, wenn sich Unkraut oder die angrenzenden Storchenschnäbel ausgebreitet haben. Welch ein Irrtum! Von allen wüchsigen Pflanzen in dieser Ecke des Gartens breitet sich nicht so schnell und vehement aus wie der Waldmeister. Und das obwohl mit Pfefferminz, Lampionblume und den erwähnten Storchenschnäbeln kräftige Wucherer zur Verfügung stehen.

Ich verbinde mit Waldmeister vor Allem das Brausepulver aus der Kindheit, grünen Wackelpudding und die Warnung vor Kopfschmerzen nach Waldmeisterbowle. Als Pflanze kenne ich ihn aus den nordhessischen Buchenwäldern. Im eigenen Garten habe ich dem Waldmeister einen vergleichbar halbschattigen Platz gegeben. Ich bin gespannt, was passiert, wenn er die Grenze des Halbschattens erreicht hat. Dann beginnt, recht abrupt ein vollsonniger Bereich. Ob er sich davon wirklich stoppen lässt?

Um den Beitrag schreiben zu können, schaue ich im Internet und meinem Gartenbüchern nach, was dort so über den Waldmeister geschrieben steht. Dabei lerne ich, dass der Waldmeister Früchte hat. Die kleinen Kügelchen (1 bis 2 Millimeter Durchmesser), sind mit Widerhaken besetzt und werden auf diese Weise durch Tiere verbreitet. Das war mir echt neu. Ich werde den Waldmeister im Auge behalten und auf kleine, klettige Kugeln achten. So lerne auch ich selbst durch meine Artikel immer wieder dazu.

Zum Thema „Waldmeister als Heilpflanze“ lese ich vor Allem drei Stichworte: Kopfschmerzen, Cumarin und Bettstroh. Waldmeister soll sowohl gegen Kopfschmerzen wirken, als auch diese selbst verursachen. Beides hängt mit Cumarin als Inhaltsstoff zusammen. Cumarin ist in geringer Dosis beruhigend und gefäßerweiternd. Hinter Cumarin verbirgt sich die chemische Substanz 1,2-Benzopyron. Ich muss oft Schmunzeln, wenn ich erlebe, dass Chemie und Natur als Gegensätze beschrieben werden. Das eine als böses Übel der Neuzeit und das andere das Heile und Gute. Dabei besteht die Natur selbst auch aus Chemie und Cumarin ist nicht deshalb besser oder gesünder, weil es der Waldmeister hergestellt hat und nicht die Chemieindustrie.

Wenn ich all die verschiedenen Angaben und Vorschriften zur Verwendung von Cumarin lese, wieviel Milligramm davon in welchem Lebensmittel sein dürfen, dann habe ich sehr deutlich, den Eindruck, dass Cumarin nichts für Selbstmedikations-Experimente ist. Woher weiß ich denn, wieviel Cumarin mein Waldmeister heute wohl hat? Galt es vor 150 Jahren als herausragende Neuerung, dass Naturstoffe und chemische Substanzen mit einem definierten Gehalt hergestellt und vertrieben werden konnten, so kehren wir heute zur „guten alten Zeit“ zurück und schätzen grob ab, ob wir mit selbstgesammeltem Waldmeister unsere Kopfschmerzen therapieren oder uns statt dessen in einem Migräneanfall befördern? Für mich heißt es daher ganz klar: Finger weg von Cumarin als Selbstmedikation.

Zum Bettstroh (wahlweise mit oder ohne Maria) gibt es sehr unterschiedliche Beschreibungen. Unstrittig ist, dass mit Bettstroh Kräuterkissen gemeint sind, die eine Wohltat für Wöchnerinnen sein sollten. Doch danach wird es sehr vielfältig. Vielleicht liegt das auch daran, dass viele Autoren nur eine Ahnung einer Ahnung von Wöchnerinnen, die auf Stroh schliefen, sowie deren „medizinischer“ Versorgung und anderen Details der vorchristlichen Zeit haben. Was ist konkret mit „vorchristlicher Zeit“ gemeint? Ist das einfach ein romantischeres Wort für das Mittelalter? Eigentlich müsste das ja viel früher sein, aber wer kennt aus eigener Ansicht die Quellen aus dieser Zeit. Und selbst die Kräuterbücher aus dem Mittelalter. Wer hat sie wirklich selbst gelesen? Ich habe großen Respekt vor Kräuterfrauen aus allen Jahrhunderten (auch dem aktuellen!) und sicher gab es auch Männer, die sich mit Kräutern auskannten. All diese Kräuterweisen haben besondere Fähigkeiten und Wissen gehabt und doch – sobald ich im irgendwo lese, dass antibakterielle Kräuter verwendet wurden, habe ich den Eindruck, dass dies eher die Fantasie des heutigen Autors als die Weisheit der Kräuterfrau ist.

Bereits nach einer kurzen Recherche habe ich außer Waldmeister noch 3 andere Kräuter gefunden, von denen es heißt, sie hießen Bettstroh: Quendel (Feld-Thymian, Thymus serpyllum), echtes Labkraut (Galium verum), Johanniskraut (Hypericum perforatum). Mit Bettstroh ist wahrscheinlich eine Sammlung von unterschiedlichen Kräutern je nach Region und Jahreszeit gemeint, mit denen Kräuterkundige und Wöchnerinnen gute Erfahrungen gemacht haben.

11 Die erste Tomatenernte: Überwinterte Cocktailtomate ist reif

Seit letztem Oktober habe ich nun meine Wintertomate gehegt und gepflegt, begeistert im März die ersten Blüten gefeiert und sie Anfang April auf den Balkon gebracht. Nun sind tatsächlich die ersten Tomaten reif! Während alle anderen normalen Tomaten erst vor zwei Wochen in Garten umgezogen sind, kann ich bei der Wintertomate bereits ernten. Eigentlich war das, nachdem die dunkelste Winterzeit überstanden war, zu erwarten und doch bin ich echt perplex im Mai schon fertige, rote Tomaten im eigenen Garten ernten zu können. Ganz ohne Gewächshaus oder sonstige technische Unterstützung.

Immer mal wieder hatte ich den Gedanken, dass es doch ganz schön viel Arbeit ist eine ganze Pflanze über den Winter zu bringen. Andererseits, das Aussäen, regelmäßige Pflegen und mehrfache Umtopfen der neuen Pflanzen ist nicht so viel weniger Arbeit. Die schwierigste Zeit für die Wintertomate ist November bis Ende Januar und die hauptsächliche Arbeit besteht in Hoffen, Bangen und gelegentlichem Rückschnitt. Wenn es dann Anfang März ist, stellt sich allerdings die Frage, ob eine Tomate im 10-Liter Eimer und Spiralstange noch auf die Fensterbank passt. Seit April steht sie auf dem Balkon und musste nur an zwei Tagen vor echtem Frost gerettet werden. Temperaturen von wenigen Plusgraden (+2 bis +5) sind für Tomaten kein Problem. Ich werde im Herbst nach Pflanzen mit sehr niedrigen Seitentrieben schauen und wenn es geeignete Kandidaten gibt wieder ein oder zwei Pflanzen überwintern.

12 Die lange Nacht der Marmelade

Ich erinnere mich dunkel daran, dass es in meiner Jugend bei der Rallye Monte Carlo die Nacht der langen Messer gab, eine besonders schwere Etappe mit Nacht und Schnee und Eis. So ergeht es mir gerade mit der neuen Charge Erdbeer-Marmelade. Eigentlich plane ich das Marmeladekochen mittlerweile richtig gut. Nicht zu viele Aufgaben auf einmal. Lieber 15 statt 50 Gläser. Tja, eigentlich… Was auch immer mir heute den Plan durchkreuzt hat, es ist schon nach der Tagesschau und die Gläser sind immer noch leer. Andererseits, gibt es nicht inzwischen für Alles und Jedes eine „Lange Nacht“? Eine für Museen, eine fürs Bücherlesen, eine für Wissenschaften, ach ja natürlich, eine fürs Einkaufen. Dann werde ich dieser Liste „Die lange Nacht der Erdbeermarmelade“ hinzufügen.

Ja, es ist spät und es wird noch viel später werden. Aber Hey, ich mache etwas dass mir Spaß macht und ich freue mich jetzt schon auf das erste Frühstück mit Erdbeere-Pfefferminze. Ich höre einfach auf damit, mir selbst Stress zu machen und gehetzt auf die Uhr zu schauen. Stattdessen drehe ich meine Lieblingsmusik und den Kochtopf voll auf: Es zählt nur diese Sekunde und nicht die volle Stunde. Raus aus Raum und Zeit.

13 Junigarten

Die Tomaten haben sich eingelebt und ich beginne ungeduldig mit den Hufen zu scharren, bis die ersten Früchte rot werden. Die Töpfe mit den Sommerblumen und anderen Pflanzenkindern habe ich vor Wochen zu den Tomaten gestellt, weil sonst kein Platz war. Nun wirkt es wie sorgsam komponiert.

Auch an anderen Stellen im Garten fällt mir immer wieder auf, dass nicht unbedingt die Beete mit der meisten Pflege am stimmigsten wirken. Neben den ordentlichen Tomaten beeindruckt mich zurzeit vor Allem der etwas verwilderte Bauerngarten. Der Muskateller Salbei steht bereits in voller Blüte und wetteifert mit den Stockrosen darum, wer als erstes 2 Meter Höhe erreicht. Ich habe längst nicht alle Dinge erledigt, die jetzt dran wären und doch habe ich den Eindruck, dass es gerade ein wenig eine Sommerruhe gibt. Durchatmen. Teepause im Schatten. Gegen Abend etwas Unkraut im Bauerngarten rupfen. Der Holunder reift von alleine, dafür braucht er mich nicht. Der junge Apfelbaum braucht etwas Unterstützung, weil die Zweige voll mit Früchten hängen. Ja, das kann ich nächste Woche machen. Die Salatköpfe sind groß und kräftig – und werde es noch die nächsten Wochen bleiben. Einzig die Johannisbeeren muss ich zügig ernten, wenn ich den Amseln zuvorkommen möchte.

14 Die Zeit der Gartenstörche

Schon den ganzen Monat über blühen in allen Ecken meines Gartens die Storchenschnäbel. Seit ich vor etwa 5 Jahren diese Pflanzen für mich entdeckt habe, sind fast jedes Jahr neue Exemplare hinzu gekommen. Die ersten habe ich gekauft und mittlerweile habe ich auch einige selbst vermehrt. Bei den gekauften habe ich es meist nicht durchgehalten, die Pflanzschilder aufzuheben oder mir verlässliche Notizen zu machen. So weiß ich zwar, dass ich bei Gräfin von Zeppelin einen ganzen Karton verschiedener Storchenschnäbel bestellt habe, aber wo nun genau welcher davon wächst, das ist heute nur noch schwer herauszufinden. (Bei der Lotto-Marie wachsen sie allerdings ganz sicher nicht)

Ich tue mich nach wie vor mit der Systematik der Pflanzen schwer. Was jetzt nun Ordnung, Familie oder Gattung? Und ist Art mehr oder weniger als Gattung? Mittlerweile weiß ich zumindest, dass die Balkonkastengeranien eigentlich Pelargonien heißen und meine Storchenschnäbel haben gar kein „en“ in der Mitte. Bis vor etwa 250 Jahren waren Storchschnäbel und Pelargonien eine gemeinsame Gattung „Geranium“. Auch heute gehören noch beide zur gleichen Familie, nämlich den Storchschnabelgewächsen. Puh! Kein Wunder, dass es immer wieder zu Verwechslung kommt. Mir ist klar, dass es zu viele Pflanzen gibt, um sie einfach durchzunummerieren, aber die ganze Lehre von den Pflanzenfamilien und ihren gegenseitigen Beziehungen ist echt eine Wissenschaft. In meinem Garten unterscheide ich nur noch drei verschiedene Storchschnäbel.

Niedrige oder polsterbildende: Aus dieser Gruppe wachsen bei mir Geranium cinereum und sanguineum. Sie wuchen in verschiedenen Farben am Rand des Vorgartens und breiten sich jedes Jahr ein Stück weiter aus.

Hohe: Dazu zählt für mich alles von himalayense, magnificum, pratense bis wallichianum. Oft stehen nicht die vollständigen lateinischen Namen auf dem Etikett und man ist dann am Rätseln, ob „Brookside“ zu himalayense oder pratense gehört. So lange ich mit meinem Garten nicht in die Vermarktung von Storchschnäbeln einsteige oder eine taggenaue Liste der Blühphasen führe, ist es für mich unerheblich wie der Name ganz genau lautet. Ich habe den Eindruck, dass die Unterschiede zwischen den verschiedenen Sorten im Garten geringer sind als in den Katalogen der Staudengärtnereien. Einzig den Anfänger-Storchschnabel macrorrhizum (Balkan-Storchschnabel) tausche ich nun Stück für Stück gegen länger und schöner blühende Sorten aus.

Wilde: Ruprechtskraut (robertianum) und Pyrenäen-Storchschnabel (pyrenaicum) suchen sich ihre Plätze selbst und oft lasse ich sie gewähren. Ruprchtskraut wächst gerne unter den Hecken. Selbst am Rand der Eibenhecke ist es ihm nicht zu dunkel. Der Pyrenäen-Storchschnabel geistert mal durchs Gemüsebeet (da geistert er nur bis ich ihn entdecke!) und mittlerweile wächst und blüht er im Rasen. Dort wird er gerade einmal 5 Zentimeter hoch.

15 Gartentagebuch 28. Juli 2018: Sommerstarre

Der Rasenmäher hat genauso Ferien wie ich. Ich kann mich nicht erinnern, wie viele Wochen es nun schon her ist, dass ich ihn zum letzten Mal benutzt habe. Die Wiese ist vertrocknet. Es läuft sich wie auf einem Stoppelacker. Selbst die Unkräuter haben aufgegeben. Manche ragen als kahle, dürre Halme in die Luft. Ich nutze die Trockenheit, um endlich das ehemalige Gemüsebeet, in dem jetzt die Aronia-Büsche stehen zu jäten. Auf der kleinen Fläche von 8 Aronia-Büschen entferne ich einen ganzen Gartenabfallsack an Giersch-Wurzeln.

Danach ziehe ich mich in den Schatten zurück und überlege, was ich anfangen mag mit dem restlichen Tag. Durch die Hitze ist die Gartenarbeit fast vollständig zum Erliegen gekommen. Mir wird klar, dass diese Zeit das Gegenstück zum klirrend kalten Märzwinter ist. Der Garten liegt wirkt ebenso leblos wie bei strengem Frost und früher Dunkelheit. Wie ähnlich flirrende Hitze und klirrender Frost doch sein können.Wenn dies also die „Sommerstarre“ ist, dann helfen vielleicht die gleichen Tipps wie bei der Winterstarre: Geduld und Zuversicht. Geduldig abwarten bis man wieder aktiv werden kann. Zuversichtlich sein, dass die Pflanzen die Hitze gleichermaßen wie die Kälte überstehen.

Nachtrag 3. August
Langsam entwickelt sich die Hitze zur Plage. Mir ist es einfach zu heiß. Ich bin bei diesen Temperaturen nicht mehr kreativ. Ganz abgesehen davon, dass der Garten völlig verdörrt ist. Über was soll ich denn schreiben, wenn alles nur vertrocknet und braun ist? Einzig den Tomaten geht es prächtig – aber sie werden auch gegossen und gedüngt… Mittlerweile habe ich begonnen auch die Apfelbäume, die Aronia-Büsche und sogar den Holunder zu gießen. Alles was noch Früchte trägt.

16 Marmeladerie – Plötzlich Selbstversorger

Bei dem Stichwort Selbstversorgung habe ich immer Bilder von hart arbeitenden Bäuerinnen im Kopf, die tagein, tagaus lange Reihen an Kohlköpfen, Stangenbohnen und anderen Gemüsen bis hin zu den Radieschen für die Dekoration des Abendessens hegen und pflegen. Und wenn die Ernte eingebracht ist, geht es weiter mit nächtelangem Einkochen oder anderen Haltbarmachungstechniken.

Es ist sicher richtig, dass Selbstversorgung anstrengend ist und längst nicht so pittoresk wie Internetseiten oder Bildbände es darstellen, doch vieles von den geschilderten Bildern findet wohl eher in meinem Kopf statt und nicht im tatsächlichen Leben. Daher immer wieder vielen Dank an Byron Katie und Jana Steinmaier, die genau diesen Bildern, die nur im eigenen Kopf existieren, auf die Schliche kommen. Die Wirklichkeit ist nämlich, dass ich längst Selbstversorger bin. Nur eben nicht für Gemüse, sondern für Marmelade, Fruchtaufstrich und Gelee.

Ganz nebenbei, ohne es je geplant zu haben, bin ich zum Marmeladen-Selbstversorger geworden. Angefangen hat es wohl damit, dass „Frühstücken“ eine meiner liebsten Beschäftigungen ist. Ich liebe es, den Tag in einer langen Schleife aus Teetrinken, Bücherlesen und Schreiben zu beginnen. Sobald es warm genug ist, ziehe ich nach Draußen. Der Blick in den Garten ist beruhigend und inspirierend zugleich. Ein fester Bestandteil dieser Form des Frühstückens ist die eigene Marmelade. Seit einigen Jahren stelle ich sie regelmäßig selbst her. Durchaus den Klassiker „Erdbeere“ aber auch ab und an Experimente wie „Orange & Ananas“ und mittlerweile habe ich einige etablierte Sorten, die ich jedes Jahr für den Eigenbedarf noch produziere.

Was ich im Gegensatz zur Selbstversorgung einmal geplant hatte, war der Verkauf von Marmelade und Gelee. Ich überlegte, ob es möglich ist mit ausgewählten Sorten und kleinen Mengen von 50 bis 100 Gläsern auch in den Verkauf zu gehen. Dafür hatte ich bereits angefangen, eine genaue Liste der Zutaten und Produktionsschritte zu führen. Außerdem füllte ich jedes Mal zwei kleine Gläschen ab, die gesondert aufbewahrt und nicht aufgegessen wurden, um im Zweifelsfall zeigen zu können, wie sich das Produkt durch die Lagerung verändert bzw. ob es nach ein, zwei oder gar fünf Jahren noch essbar ist. Letztlich habe ich den Plan wieder aufgegeben, weil die Materialkosten zu hoch waren. Meine Zeit sowie Strom und Wasser waren noch gar nicht mit eingerechnet. Würde ich tatsächlich Marmelade für fünf Euro je Glas verkaufen können? Nachdem ich meine Kosten kannte, fragte ich mich auch, an welchen Stellen die großen Hersteller sparen, um auf einen Verkaufspreis von 79 Cent zu kommen. Selbst die Premium-Hersteller erzielen nur etwa 2 Euro pro Glas.

Jetzt im Rückblick erscheint es mir völlig unverständlich, dass ich mich bereits mit dem Gedanken an Verkauf beschäftigt habe, bevor mein eigener Jahresbedarf verlässlich gedeckt war. Es muss doch genau umgekehrt sein: Erst produziere ich genug für den eigenen Haushalt und dann kann ich von der eigenen Produktion etwas weitergeben. Von einer Manufaktur für Gelee und Fruchtaufstriche oder kurz gesagt einer Marmeladerie bin ich noch weit entfernt. Aber die Idee ist da und solange ich nicht los gehe, kann ich auch nicht ankommen.

17 Pflanzenwanderer

Bei einigen Pflanzen habe ich den Eindruck, sie gehen regelrecht aktiv auf Wanderschaft. Ganz ähnlich wie wir Menschen, packen sie ihren Rucksack und überlegen „Wo könnten wir denn dieses Jahr einmal hin wandern?“. So stelle ich mir das zumindest vor.

In diesem Jahr fällt mir besonders die Nachtkerze auf. Vor drei oder vier Jahren hatte ich zum ersten Mal eine Nachtkerze im Garten. Es gefällt der Pflanze wohl so gut, dass sie jedes Jahr eine neue Stelle ausprobiert und an jedem ihrer selbstgewählten Orte gut gedeiht. Gerade hat sie sich zusammen mit einer Stockrose im Hochbeet angesiedelt. Die Stockrose kann dort wirklich nicht bleiben. Sie wird einfach zu hoch. Bei der Nachtkerze werde ich eine Ausnahme machen. Sie ist noch ein Neuling hier und ich freue mich über jede herbstliche Rosette, die zahlreiche Blüten im nächsten Jahr ankündigt.

Die Pimpinelle ist wirklich eine endlose Geschichte. Eine Art Katz und Maus Spiel. Ich mag die Pimpinelle gerne im Garten haben. Die Ritze im Gehwegpflaster ist vielleicht nicht ganz der richtige Platz, doch sie ist hier sehr willkommen. Ich habe sie bereits mehrfach umgesiedelt. Ganz freundlich und behutsam, mit dem gesamten Wurzelballen. Von der Obstrabatte ins angrenzende Gemüsebeet. Schwups, weg ist sie. Vom Hochbeet in einen großen Blumentopf. Weg ist sie. Einmal war sie für zwei Jahre ganz verschwunden. Nun ist sie wieder da und soll von mir aus selbst in ihrer Pflasterfuge glücklich werden.

Das Schöllkraut ist das komplette Gegenteil der Pimpinelle. Egal wo und egal wie oft ich sie ausreiße oder ausgrabe, sie kommt an anderer Stelle wieder. Oft sogar an der gleichen Stelle. Sie hat wohl Wurzeln wie Giersch, dass ein noch so kleines Stück ausreicht, um eine neue Pflanze austreiben zu lassen. Vielleicht biete ich ihr auch die optimalen Bedingungen. Wenn also jemand eine Schöllkrautplantage plant. Man nehme einen nordhessischen Durchschnittsgarten mit eher lehmigem Boden. Das Wetter kann man per Los entscheiden. Ein sonniges Jahr mit verdorrtem Sommer oder einen kaltes Jahr mit verregnetem Sommer. Beides ist dem Schöllkraut gleichermaßen willkommen.

Die Zitronenmelisse ist wohl eine Art Minze. Einmal irgendwo kurz außer acht gelassen und schon wandern meterlange Wurzeln durch den Garten. Auch die Akelei ist ein echter Wandervogel. Ich weiß nicht wie sie es macht, aber sie taucht überall im Garten auf. Mittlerweile schneide ich die Blüten möglichst schnell ab, damit hier nicht ausschließlich Akelei blüht. Je nach den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen, sind die Wanderpflanzen eine Freude oder eine Last. So schnell wie sich Wegwarte oder Akelei verbreiten, kann ich Phlox und Storchschnäbeln gar nicht vermehren. Bei der Nachtkerze bin ich (noch?) froh, dass sie sich verbreitet und beim Kalifornischen Mohn würde ich gerne etwas nachhelfen, damit er wieder mehr wird. Mir zeigt all diese Umherwanderei, dass die Pflanzen eigenwillige Wesen sind, die sich in ganz verschiedenen Ecken meines Gartens wohl fühlen. So sind mir die allermeisten Wanderer willkommen – und jene, die ich gerne los wäre, wie den Gundermann, lassen sich eh nicht vertreiben. So ein Garten gefällt offensichtlich nicht nur mir!

18 Felsenbirnenbunt

Mit der Zeit nimmt die Seele die Farbe Deiner Gedanken an. Dieser Satz stammt vom römischen Kaiser und Philosoph Marc Aurel. Im Garten leuchten die farbigen Blätter der Felsenbirne und genau so fühle ich mich heute: Felsenbirnenbunt.

19 Der Herbst der kleinen Äpfel

Der Sommer 2018 war wirklich ungewöhnlich. Man muss kein Gärtner sein, um dies zu bemerken. Und tatsächlich haben viele Menschen den Eindruck, dass etwas anders war in diesem Jahr. Während die Sommerblumen vertrocknet sind und die Landwirte massive Einbußen bei der Getreideernte haben, hängen die Apfelbäume übervoll. Im letzten Jahr konnte ich jeden einzelnen Apfel mit Handschlag begrüßen und war froh, dass die Boskoop-Ernte für einen einzigen Kuchen ausgereicht hat. In diesem Jahr komme ich mit dem Aufsammeln des Fallobstes kaum hinterher. Zum Pflücken der Äpfel, die noch am Baum hängen komme ich gar nicht mehr. Ich bin dankbar für jeden Apfel, der noch ein paar Tage hängen bleibt. Es fällt jedoch auf, dass die Äpfel in diesem Jahr sehr klein sind.

Die Äpfel im Supermarkt sind allerdings weiterhin so groß wie immer. Wo sind diese Äpfel gewachsen? Haben die Bauern die Apfelbäume gegossen oder wo kommen diese gleichförmigen Äpfel her? Wahrscheinlich gebe ich mich mit diesen Fragen, als Unwissender zu erkennen, der keine Ahnung vom weltweiten Apfelmarkt hat. Vielleicht spreche ich aber dennoch als Vertreter derer, die nach einem langen Tag in Büro, Fabrikhalle oder anderem Arbeitsplatz, auf dem Heimweg noch kurz in den Supermarkt hasten und froh sind, wenn irgendwann das Abendessen fertig ist. Die Warenströme und Verkaufskonzepte sind so komplex geworden, dass es kaum mehr möglich ist, abzuschätzen, welches der Angebote sinnvoll ist. So würde es mich nicht überraschen, wenn ein Apfel aus Neuseeland eine bessere Klimabilanz hat, als ein deutscher, der ein halbes Jahr im Kühlhaus lag. Was tun? Trotzdem den deutschen Apfel kaufen, um die lokale Wirtschaft zu stärken und den Transportwahnsinn zu bremsen? Aber im Januar marokkanische Tomaten kaufen, weil sonst die Afrikanische Wirtschaft nie auf eigene Beine kommt? Die verschiedenen Themen sind auf so vielfältige und enge Weise miteinander verflochten, dass ich es nicht mehr schaffe hindurch zu blicken und das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Ich stelle mir vor eine der deutschlandweiten Supermarktketten würde nur regionale Äpfel anbieten. Dann gäbe es dort jetzt gerade nur kleine Äpfel. Unterstützen „die Verbraucher“ (also auch ich!) solch ein Konzept auch dann noch, wenn es das tägliche Leben beeinflusst? Was passiert, wenn die Äpfel einfach ausverkauft sind wie im letzten Jahr oder preiswert, aber sehr klein wie in diesem Jahr?

Mir ist in diesem Sommer klar geworden, dass ich beliebig lange spekulieren kann, ob es den Klimawandel wirklich gibt oder alles nur fake news von ein paar verwirrten Verschwörungsbegeisterten sind. Selbst handeln und Dinge verändern kann ich nur an dem Ort an dem ich selbst bin. Für mich ist dieser Ort eine Kleinstadt in Nordhessen. Dort kann ich anfangen jeden meiner kleinen Äpfel zu verwerten und auf diese Weise Einfluss nehmen:

  • Am letzten Wochenende habe ich Apfelgelee hergestellt. Aus 5 Kilogramm Fallobst werden 16 Gläser Gelee.
  • Einige Äpfel habe ich in den Korb mit dreiviertel reifen Tomaten gelegt. Dort können sie beim Nachreifen helfen.
  • Meine Frau hat sich an das Apfelmus ihrer Kindheit erinnert und hat damit begonnen Wochenportionen Apfelmus zu kochen.
  • Auf dem Blog MitEigenenHänden habe ich noch einen Tipp für geriebene Äpfel gefunden.
  • Am nächsten Wochenende produziere ich Apfelstrudelfüllung auf Vorrat.

Meine paar Gläser Apfelgelee werden die Welt nicht verändern. Doch wenn jeder Einwohner meines Städtchens es genauso macht, kommen fast 100 Tonnen Äpfel zusammen. Das ist dann plötzlich eine Menge, die ins Gewicht fällt. Wortwörtlich!

 

20 Der erste Herbstfrost

Nicht überraschend und doch plötzlich verwandelt der erste Frost Rasen und Herbstlaub in ein weißes Glitzerfeld. Noch beenden die Sonnenstrahlen des neuen Tages die vorwinterliche Verwandlung schnell. Noch ist es eine Vorankündigung. Mag der Winter sich noch etwas Zeit lassen!

2 Gedanken zu “20 Gartengedanken in einem Text – Best of 2018

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