Sommer mit Eibe

In diesem Sommer möchte ich einen Bauerngarten anlegen. Keinen ganz klassischen, sondern eine Mischung aus verschiedenen Ideen und Anregungen. Eine bisher etwas verwilderte Fläche mit mehreren Baumstümpfen, viel Unkraut und der Rückwand einer Garage soll in eine Komposition aus Stauden, Kräutern und Sitzplatz verwandelt werden, die ich der Einfachheit halber einfach mal „Bauerngarten“ nenne.

SmE (1)

In den verschiedensten Gartenratgebern wird gerne erläutert und bebildert, wie man ein neues Beet anlegt. Meist wird in Bild 1 der aktuelle Zustand gezeigt: traurig und öde. Bild 2: Die alten Pflanzungen wurden entfernt. Bild 3: die neuen Pflanzen werden ordentlich verteilt. Bild 4: Das Beet ist fertig: alles blüht üppig.

Bevor ich mit der Vorbereitung der Beete beginnen kann, muss ich nur noch gerade eben eine Eibe versetzen. Sie passt nicht in den Bauerngarten, der um sie herum entsteht, aber ich will sie auch nicht so kommentarlos absägen. Wie viele Jahre braucht eine Eibe um 4 Meter hoch zu werden? 10 Jahre ist wohl noch sehr niedrig geschätzt, vielleicht eher 15. Daher mag ich wenigstens einige Tage meines Lebens in die Waagschale werfen, um ihres an einem anderen Ort weitergehen zu lassen. Das mag irgendwie spinnert oder esoterisch klingen, doch ich stelle bei der Arbeit im Garten immer wieder fest, wie so etwas wie „Gleichklang“ dabei ganz von alleine entsteht. Die Natur gibt den Rhythmus vor und der Gärtner kann sich bestenfalls einreihen, das Auf und Ab nachvollziehen und – wenn er nach Jahren eine gewisse Erfahrung hat – das nächste Auf oder Ab vorausahnen und seine eigene Arbeit entsprechend daran orientieren.

SmE (2)

Ich bin also irgendwo knapp hinter Bild 1 und beginne damit in etwa 50 Zentimeter vom Stamm entfernt eine Rinne um die Eibe herum zu graben. Mit jeder weiteren Runde um die Eibe herum wird der Graben tiefer. In 20 Zentimetern Tiefe stoße ich an einer Stelle auf etwas Steiniges. Hm, was mag das sein? Wir haben das Haus gebraucht gekauft und vieles erschließt sich in Haus und Garten erst so nach und nach. Ich weiß zum Beispiel nicht welche Versorgungsleitungen wo entlang laufen. Daher bin ich eher vorsichtig und mache zusätzlich zum Kreis um die Eibe auch noch einen Kreis um das steinerne Hindernis. Wenn sich klärt, um was es sich handelt, ist es kein Problem auf das „sinnvolle walten von rohen Kräften“ zu vertrauen, aber ersteinmal muss klar sein, ob ich gerade die Gasleitung zum Nachbarn vor mir habe oder einfach nur einen Findling.

Nach einem weiteren Tag des Grabens zeigt sich, dass es sich bei dem steinernen Hindernis um das Fundament einer Wäschespinne handelt. Die Menge an Beton, mit der das Fundament gegossen wurde spricht dafür, dass es eine Wäschespinne für die Ewigkeit werden sollte. Was ist geschehen, dass sie dann doch irgendwann weichen musste? Um das Fundament zu begrünen wurde dann wohl die Eibe direkt daneben gesetzt. Ich vergrößere also den Kreis um die Eibe so, dass ich auch das Fundament der Wäschespinne mit ausgrabe. An der Stelle, wo die Wäschespinne einbetoniert war, ist nun ein richtiges Loch, während es sonst eher ein tiefer Graben ist. Mittlerweile bin ich rund um die Eibe überall mindestens 50 Centimeter tief. Das Loch der Wäschespinne kann ich nun nutzen, um zu beginnen auch unter der Eibe die Erde herauszubuddeln. Nachdem ich deutlich über der Hälfte bin, gelingt es mir die Eibe umzudrücken.

Noch im Umfallen der Eibe wird mir blitzartig klar, dass es ein Fehler war, die Eibe umzukippen. Sie ist jetzt zwar lose, liegt aber tiefer im Loch als zuvor. Das heißt, die Eibe ist zwar nicht mehr mit der Erde verbunden, aber ich bin von meinem Ziel, die Eibe an einen anderen Platz zu bringen weiter entfernt als zuvor. Ich schätze den Wurzelballen auf etwa 200 Kilo. Ich habe weder einen Flaschenzug noch einen Kleinbagger, der mal gerade kurz eben mit anfassen kann. Ich muss mir also einen Plan ausdenken, der mit meiner Muskelkraft und meiner Zeit auskommt.

Als erstes beginne daher nun den Wurzelballen um überflüssige Erde zu erleichtern. Mit einer kleinen Handhacke gelingt dies ganz gut ohne die Wurzeln zu beschädigen. Immer von einer Seite vorsichtig hacken, dann aus dem Loch herausklettern, die Höhe der Eibe als Hebel benutzen und die Eibe auf die andere Seite kippen und dann wieder ins Loch krabbeln und Erde entfernen. Auf diese Weise kann ich die lose am Wurzelballen anhaftende Erde deutlich reduzieren.

Schließlich erweitere ich das Loch der Wäschespinne auf einer Seite zu einer leichten Schräge. Die Wäschespinne leistet mir also schon zum zweiten Mal gute Dienste. Anfangs ein Hindernis ist sie nun zum Ideengeber geworden. Das mag ein wenig übertrieben klingen, aber die Tendenz dazu ist tatsächlich da. Die Eibe liegt nun lose in einem inzwischen recht großen Loch und lässt sich ganz gut bewegen. Auf diese Weise arbeite ich nun daran den Wurzelballen Stück für Stück anzuheben. Das funktioniert so ähnlich wie vorher mit der Entfernung der Erde: Die Eibe auf eine Seite kippen, die andere Seite mit flachen Steinplatten unterfüttern, die Eibe auf die Steine kippen und immer so weiter.

Nach mehreren Durchgängen ragt der Wurzelballen nun tatsächlich aus dem Loch heraus. Nun lege ich die Schräge mit einer stabilen Plane aus, stopfe die Plane möglichst weit ins Loch hinein und lasse die andere Hälfte der Plane auf der Wiese liegen. Nun lässt sich der Wurzelballen tatsächlich so lange rollen, zerren, wuchten bis er aus dem Loch heraus ist.

Nach einer Woche Sommerferien – auch wenn ich zugegebenermaßen nicht jeweils den ganzen Tag an der Eibe gearbeitet habe – bin ich also weiterhin knapp hinter Bild 1 der vierteiligen Anleitung „Was Sie bei der Neuanlage eines Blumenbeetes bedenken sollten“.

Einige Tage später startet die nächste Runde. Die Eibe ist ausgegraben, mit der Plane gegen Sonnenlicht und Austrocknung geschützt und muss nun “nur” noch an die 15 Meter entfernte Hecke transportiert werden, um dort in ein „gerade kurz eben“ zu grabendes Loch wieder eingepflanzt zu werden. Ich vermute, dass es für diese Aufgabe auch eine übersichtliche Anleitung in wenigen Sätzen und Bildern gibt. Ich bin allerdings mittlerweile vorsichtig geworden, wenn es darum geht nach solch einer Anleitung die tatsächliche Arbeit einzuschätzen. In die Plane eingewickelt, lässt sich die Eibe überraschend gut über die Wiese bis zur Hecke ziehen.

Bevor ich mit dem neuen Loch anfange, will ich gerade eben noch die Steinplatten aus dem alten Loch herausholen, damit das fertig ist. Dabei spüre ich plötzlich einen sehr schmerzhaften Stich und kann mich fast nicht mehr bewegen. Ich bleibe ersteinmal eine Weile auf dem Rand sitzen und schleppe mich dann auf die Terrasse.

Die komplette nächste Woche beschäftige ich mich damit den Rücken zu schonen, nichts Schweres zu tragen außer der Teekanne und dem aktuellen Lieblingsbuch. In der einen Hälfte des Gartens gähnt ein Loch von fast 2 Meter Durchmesser. In der anderen Hälfte liegt eine 4 Meter lange (hohe?) Eibe in eine Plane eingewickelt. Ich sitze dazwischen im Schatten und kann ersteinmal nichts tun, als den Sommer zu genießen und den Anblick des Unfertigen zu ertragen.

SmE (7)

14 Tage nach dem Stich im Rücken, beginne ich ganz vorsichtig damit das neue Loch für die Eibe auszuheben. Ein Nachbar hat mir über den Zaun schon den mutmachenden Tipp mit auf den Weg gegeben „Die wächst eh nicht mehr an“. Tatsächlich liegt die Eibe nun 2 Wochen mit ganz wenig Erde an den Wurzeln in der Sonne und wartet auf ein neues Pflanzloch. Als das neue Loch dann groß genug erscheint, rolle ich die Eibe in Position und als sie hineinplumpste, steht sie gleich fast richtig. Noch ein bisschen Schieben, Erde und ganz viel Wasser dazu fertig. Es sieht so aus, als wäre sie schon immer dort in der Lücke der Hecke.

So, nun kann ich zu Bild 2 der Anleitung „So legen Sie ein neues Beet an“ übergehen. Davon, dass man dafür die ganzen Sommerferien braucht, war nirgends die Rede, aber die Autoren wollten wohl auch dem Gartenneuling noch die eine oder andere Überraschung bescheren, sozusagen zwischen den Zeilen, ähm Bildern, meine ich natürlich.

2 Gedanken zu “Sommer mit Eibe

  1. Pingback: Der schiefe Baum (Wacholder) | Uhles Gartengedanken

  2. Pingback: Der Wacholderwurz (Der schiefe Baum 2) | Uhles Gartengedanken

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