Vor mittlerweile acht Jahren fing ich an zu gärtnern. Ich fing mit dem an, was gerade nötig war (Büsche schneiden, Rasen mähen, Blumen pflücken) und wuchs nach und nach immer mehr in die Aufgaben hinein. Über die Jahre entdecke ich, dass die Liebe zum Garten schon immer in mir steckt und sie nur darauf wartete, bis ich irgendwann auf meinem Lebensweg an einem Haus mit Garten vorbeikomme. Es ist keine große Erkenntnis mit Lichtblitz und donnernder Wolkenstimme, sondern sie kommt auf katzenleisen Pfoten in mein Leben geschlichen, um dann als ich sie wirklich und völlig wahrnehme quasi nebenbei zu sagen: „Ach übrigens, wir, der Garten und das Schreiben, sind die Dinge, die du schon immer suchtest. Wir sind dann jetzt mal da und du kannst aufhören, an anderen Stellen zu suchen“. Das Verkehrsschild „Wildflowers ahead!“ ist für mich das Symbol dieser Gedanken.

In England sind „Flower Shows“ so berühmt wie in Deutschland nur Fußballvereine. In Deutschland kenne ich keine echte Flower Show, auch wenn es mittlerweile zahlreiche sogenannte Gartenfestivals gibt. Selbst der Begriff Flower Show ist nicht wirklich ins Deutsche übersetzbar. Am ehesten lässt er sich als Gartengestaltungswettbewerb beschreiben. Der romantische Kinofilm „Greenfingers“ handelt davon, dass englische Gefängnisinsassen erfolgreich an einer wichtigen Flower Show teilnehmen. In diesem Film kommt das selbstgebaute Verkehrsschild „Wildflowers ahead!“ vor. Mich beeindrucken der Film und die Idee, ein Verkehrsschild als Gartenkunstwerk zu verwenden, so sehr, dass ich beschließe, genau so ein Schild zu bauen und es in meinen Garten zu stellen.
Doch wie so oft sind die Idee und die Umsetzung zwei ganz verschiedene Dinge. Lange ist mir nicht klar, wie ich die Umsetzung bewerkstelligen soll. Wie groß ist ein echtes Verkehrsschild überhaupt? Wie breit ist der rote Streifen? Sind alle Winkel wirklich gleich? Schließlich zeichne ich mit einer großen Pappe ein Verkehrsschild ab. Das sah wahrscheinlich recht lustig aus, als ich neben dem Verkehrsschild auf die Leiter kletterte, eine Pappe über dem Schild befestigte und mit einem dicken Filzstift Größe und Form abzeichnete.
Aus alten Brettern baue ich dann das Dreieck des Schildes nach. Als Weiterentwicklung zum Film sollen in dem Schild echte „wildflowers“ wachsen und nicht nur symbolisch aufgemalt sein. Mein Schild muss also dreidimensional werden, damit Blumen zwischen das rote Dreieck und die weiße Rückwand passen. Was im Film so einfach aussieht, entpuppt sich als aufwändige Aktion aus mehrfachem Streichen mit Wetterschutzfarbe und der fast schon philosophischen Frage nach Metallwinkeln oder Holzdübeln. Erst baue ich ein Schild für Wildblumen und stellte mir einen naturnahen Garten dabei vor, aber dann rostet das Schild vor lauter Metallwinkeln und Schrauben vor sich hin. Das passt für mich nicht zusammen. Ich verwende schließlich an fast allen Stellen Holzdübel. Auch wenn ich dafür das halbfertige Schild noch einmal zerlegen muss, um weitere Löcher zu bohren.
Während des Bauens denke ich ernsthaft darüber nach, eine Anleitung zu schreiben und die einzelnen Arbeitsschritte festzuhalten, um bei Wiederholungen den Aufwand möglichst gering zu halten. Bei meinem ersten Schild mache ich einige Arbeitsschritte mindestens doppelt und die wenigen Schrauben, die ich schließlich doch verwende, lassen sich zum Schluss nicht wie geplant befestigen, weil das sich Schild mit Vorder- und Rückwand selbst im Weg ist. Von einem Baukasten aller Einzelteile inklusive Anleitung zum Nachbauen, bin ich somit noch weit entfernt. Bei dem fertig montierten Schild lassen sich nun tatsächlich einzelne Pflanzen zwischen den roten Rahmen und den weißen Hintergrund stellen.


Jetzt fehlt nur noch das ergänzende Schild mit der Erläuterung „Wildflowers ahead!“. Und natürlich muss es auf eine Stange montiert werden und am Garteneingang stehen. Ich überlege lange, welchen Text ich verwende. Die wörtliche Übersetzung „Achtung, (…) voraus!“ gibt es bei deutschen Verkehrsschildern nicht, auch wenn vielen Menschen sicherlich das australische „Kangaroo – Next 20 Miles“ bekannt ist. Für Wildkräuter gibt es Deutschland sowieso keine Schilder, aber auch die Versionen, in denen das Schild in Deutschland durchaus existiert, wie „Kindergarten“, „Zebrastreifen“ oder „Steinschlag“, verwenden keinen Zusatz wie „Voraus“ oder „Auf den nächsten Kilometern“. Also vielleicht „Wildkräutergarten“? Oder doch „Achtung Wildkräuter“? Wie ich es drehe und wende, nichts passt wirklich. Weder besteht der ganze Garten aus Wildkräutern, noch plane ich, eine Spezialgärtnerei zu eröffnen. Schließlich entscheide ich mich dann für „Wildkräutergarten“. Das gibt zwar nicht hundertprozentig die Stimmung des Originals wieder, aber es soll ja auch für jemanden, der den Kinofilm nicht kennt, verständlich sein.
Ich bepflanze das Schild mit Giersch, Schöllkraut, Ruprechtskraut und Butterblume stelle es in die Hofeinfahrt. Dann passiert etwas, das mich völlig überrascht: Ich muss das Unkraut pflegen! Als erstes macht der Giersch schlapp. Anfangs halte ich es für eine optische Täuschung. Gerade der Giersch, das Grauen aller Gartenbesitzer, macht als Topfblume binnen 14 Tagen schlapp? Unglaublich, aber so ist es. Ich fange nun also an, mein Unkraut zu gießen, und ab und an tausche ich auch einen Topf aus, weil das Unkraut eingeht. Manches ist wohl gar nicht so robust, wie es immer erscheint.

Inzwischen fängt wieder ein neues Gartenjahr an. Ich nutzte den Winter, um über mein Schild nachzudenken. Das Schild ist ein völlig neues Produkt, das jetzt ein Jahr im Test war. Es gibt zwar bisher keine Rückmeldung von Käufern oder Passanten, aber ich selbst habe ja auch einen Eindruck, was an der Idee funktioniert und was ich verändern möchte.
Die Blumen im Schild
Die Wildblumen im Schild wachsen in kleinen Blumentöpfen. Durch die Löcher in den Töpfen läuft das Wasser zu schnell ab. Wenn die Blumen im Schild dauerhaft gedeihen sollen, muss ich dafür sorgen, dass die Erde länger feucht bleibt. Ich baue das nächste Schild so, dass ein kleiner Blumenkasten hineinpasst. Der Blumenkasten fasst mehr Erde als die Töpfe. Außerdem bohre ich bewusst kein Wasserabzugsloch hinein.
Der Text „Wildkräutergarten“
Ich entscheide mich dafür, beim Original zu bleiben: Wildflowers ahead! Zukünftig wird es das Schild in zwei Varianten geben: Mit oder ohne Blumen im Schild. Bei der Version ohne Blumen steht der Text dann direkt auf der weißen Dreiecksfläche des Schildes. Nach einem Jahr des Experimentierens kehre ich damit zum Original aus dem Film zurück. Der Bau ist einfacher und das zusätzliche Textfeld unterhalb des Schildes kann entfallen. Außerdem lässt sich die Idee dann auch besser auf andere Gartenbereiche wie das Gemüsebeet oder den Tomatengarten übertragen.
In die eigene Hofeinfahrt stelle ich eines der Schilder ohne Blumenkasten. Die Wildflowers stehen in vier Blumenkübeln auf dem Boden, rund um das Schild herum. In zwei der Kübel pflanze ich Stockrosen und Wegwarten. Im Laufe des Sommers werden sie in etwa so hoch wie das Schild und ergeben einen besseren Gesamteindruck als die Blumen im Schild. Nun ist das Schild so, wie es selbst von Anfang an sein wollte: Wildflowers ahead! Ich bin rundherum zufrieden mit dem Ergebnis.

Für einen Fußgänger, der an der Hofeinfahrt vorbeikommt, ist das zweijährige Projekt jetzt als ungewöhnliches Verkehrsschild sichtbar. Alles, was an Ideen, Arbeit und Entwicklungen in dem Schild steckt, ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Oft bin auch ich solch ein Fußgänger. Ich sehe ein fertiges Projekt, wie zum Beispiel ein erfolgreiches StartUp-Unternehmen, und was auf dem Weg dorthin passiert ist, erfahre ich nur, wenn ich die Chance bekomme, hinter die Kulissen zu schauen. In den wenigen Fällen, bei denen dies möglich ist, zeigt sich ganz schnell, dass der glänzende Anblick nur ein kleiner Ausschnitt des erfolgreichen Projektes ist. Wenn der Erfolg endlich da ist, sagen viele vorschnell „So ein Unternehmen will ich auch haben“ oder gar „Diese Idee hatte ich ja schon vor Jahren“. Doch sobald deutlich wird, was alles, oft über Jahre hinweg, an Vorbereitung nötig ist, wird die Zahl derer, die bereit sind, sich so intensiv und dauerhaft für etwas zu engagieren, ganz schnell sehr klein. Wenn ich also wieder einmal ein Projekt entdecke, das mich beeindruckt oder das ich gerne selbst auch durchgeführt hätte, werde ich häufiger sagen: „Wow, tolles Ergebnis! Wie war dein Weg hierher? Was kann ich von dir für meine Projekte lernen?“
Dieser Text ist ein Ausschnitt aus dem Buch Uhles Gartengedanken
Die Quintessenz aus über 600 Beiträgen dieses Blogs gibt es nun ganz klassisch auf Papier: Der Gartenblog zum offline lesen!
Vom ersten Schneeglöckchen bis zu den Raunächten, alles handlich zwischen zwei Buchdeckeln.
– Zum eigene Gedanken an den Rand kritzeln
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Viel Spaß beim Lesen, Uhle im Garten

Coole Idee. Und beim eingehenden Giersch musste ich mal kurz herzhaft lachen! Gruß, Llewella
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Ja, das ging mir genauso! Ich stand ungläubig vor dem Blumentopf und fragte mich, was aus dem unausrottbaren Monster geworden war. Einfach so eingegangen? Unglaublich!
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Toll👍
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Danke :-)
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