Mit Nan Shepherd durch die Cairngorm Mountains (Nature Writing)

Einige Tage nachdem ich mir Robert Macfarlanes Einleitung erarbeitet habe ist es endlich warm genug, um draußen zu sein. Ich stelle mir ein improvisiertes schottisches Picknique zusammen, Scones, Teekanne und Erdbeer-Pfefferminz-Marmelade, setze mich in die freundliche Nachmittagssonne und beginne Nan Sheperds „Der lebende Berg“ noch einmal von vorn.

„Der Sommer auf dem Hochplateau kann köstlich wie Honig sein, ebenso eine drückende Heimsuchung. Für die, die diese Landschaft lieben, ist beides gut, denn beides ist Teil ihrer ureigenen Natur [die der Landschaft]. Und ihre ureigene Natur zu erkennen, ist das, worum es mir hier geht. … Dies geschieht nicht spielend leicht, noch in einer Stunde. Es handelt sich um eine Erzählung, die zu langsam für die Ungeduld unseres Zeitalters ist, in ihrer Bedeutung nicht unmittelbar genug  für seine dringenden Probleme.“[1]

„Summer on the high plateau can be delectable as honey; it can also be a roaring scourge. To those who love the place, both are good, since both are part of its essential nature. And it is to know its essential nature that I am seeking here. … This is not done easily nor in an hour. A tale too slow for the impatience of our age, not of immediate enough import for its desperate problems.“[2]

So setzt sie an mit ihrem Text. Nicht das Göttliche der Philosophen oder das Innerste des Regenwurms, nein, einfach nur das ureigene Wesen der Landschaft um sie herum, das ist es was sie verstehen und beschreiben will. Ein bescheidener Ansatz. Ein Ansatz, der mich mit voller Wucht trifft. Ein Text, in dem es um die Wirklichkeit der Dinge geht, die wirklich zählen im Leben. Kein pingeliges Aufzählen jedes einzelnen Steinchens, aber das ureigene Wesen der Landschaft, deren Teil sie als Schreibende ist und deren Teil ich als Leser werde.
Sie schreibt in langen verschlungenen Sätzen. Sätze, die wunderschön klingen, wenn Tilda Swinton sie in der englischen Version des Hörbuchs vorliest. Sätze, die sicher schwer zu übersetzen sind und die in der deutschen Übersetzung leider des Öfteren misslingen. Gleich im ersten Absatz ist es nicht eindeutig, ob es um die ureigene Natur des Hochplateaus oder um die der Menschen, welche das Hochplateau lieben, geht. Ich bin froh, im englischen Original nachsehen zu können, wie der Satz gemeint ist.
Und ist das etwas hölzerne „Es handelt sich um eine Erzählung, die zu langsam ist..“ wirklich das, was Nan Shepherd mit „A tale too slow…“ gemeint hat?

Das Hochplateau
Nach diesem fulminanten Anfang stellt Nan Shepherd in jedem Kapitel einen neuen Aspekt der Landschaft, die sie liebt vor. Als erstes das Hochplateau, das für sie nach vielen Jahren der Wanderungen in dieser Landschaft, das eigentliche Highlight, der eigentliche Berg ist. Es gibt zwar auch noch echte Gipfel und sie gibt unumwunden zu, dass sie anfangs, beim Kennenlernen der Region, erpicht war diese Endpunkte der Wanderungen zu erreichen, dass die Strecke dazwischen einfach nur das Hindernis war, das es zu überwinden galt, bis endlich der Gipfel erreicht ist.
Mit den Jahren ändert sich ihr Blick. Das Plateau und all die anderen Eindrücke auf dem Weg dorthin werden das wirkliche Ziel. Angefangen von den Schluchten, über die Lochs, bis hin zum Wind, der über die Caringorms fegt.

„Wiederum bin ich auf dem Plateau, habe es wie ein Hund umkreist, um herauszufinden, ob es ein guter Ort ist.“ (So I am on the plateau again, having gone round it like a dog in circles to see if it is a good place)
So beginnt sie eines der Kapitel. Eine angenehme Wiederholung. Einerseits wohltuend unspektakulär und gleichzeitig gewinnt sie genau mit dieser langsamen Herangehensweise, die in jedem Kapitel die gleiche Landschaft mit anderen Augen sieht, die Tiefe, die dieses Buch ausmacht.
Als Leser habe ich mir oft eine gute Karte gewünscht. Sicher, das Buch ist kein Wanderführer. Es gilt nicht dem Weg bis zur verwitterten Erle zu folgen und sich dort rechts zu halten. Doch die Beschreibungen sind so verlockend, dass ich oft gerne genauer verstanden hätte, wo sie gerade ist.
Wenn mich Bücher so sehr beeindrucken, wie „Der lebende Berg“ es tut, neige ich dazu, in meiner Beschreibung jeden zweiten oder dritten Satz nachzuerzählen. Ich zwinge mich daher heute dazu, große Sprünge von Kapitel zu Kapitel machen und vielleicht wage ich es sogar, eines der Kapitel ganz auszulassen.

Vernetzung
Die Kapitel sind nach Themen wie „Schluchten“ oder „Wasser“ benannt. Und doch geht es jeweils um mehr als nur eine Aufzählung der einzelnen Objekte. Sie beginnt mit einem Thema. Und, ja, das Kapitel Schluchten zählt auch einige der Schluchten namentlich auf. Doch sie blickt gedanklich über das Thema hinaus oder stellt Verknüpfungen zwischen den einzelnen Themen her. Das, was Alexander von Humboldt bei seinen Reisen um die ganze Welt erkannte, dass alles in der Natur wie ein Netz miteinander verbunden ist, das beschreibt Nan Shepherd anhand der Cairngorms. Ich weiß nicht, ob sie je von Humboldt gehört hat. Ich gehe davon aus, dass ihr die Verbundenheit der Dinge bei ihren vielen Wanderungen ganz von alleine klar wurde.

Hinter die Dinge sehen
Auf den ersten Blick ist ein See einfach nur ein See. Nan Shepherd macht deutlich, wie viel mehr zu einem See gehört. Der gesammelte Regen des Hochplateaus, der in zahllosen Bächen die verschiedenen Lochs mit schier unnatürlich klarem Wasser füllt. Die Wolken, die sich auf der Oberfläche spiegeln. Die entlegene Stille, die den Bergsee von einem See im Tal unterscheidet, macht ihn zu einem besonderen Ort. Dieser Ort wird verschwinden, wenn erst Touristenströme mit Geländewagen und Fastfoodeinwegverpackungen über ihn herfallen. Auch wenn es das gleiche Wasser, die gleichen Steine bleiben werden.

Schreiben mit allen Sinnen
Sie schreibt so eindrücklich und so plastisch, dass ich das Gefühl habe, mit ihr auf dem Plateau zu stehen. Das Schreiben und Wahrnehmen mit allen Sinnen kenne ich aus Creative Writing Seminaren. Sie wendet es an, lange bevor es als Technik „erfunden“ wurde. In jedem Kapitel zeigt sie eine neue Perspektive auf die gleichen Berge. Dabei wechselt sie nicht nur zwischen „sehen“ und „fühlen/tasten“ sondern verfügt auch in den einzelnen Themen über eine überraschende Bandbreite. Alleine die farblichen Nuancen von Schnee und gefrorenen Bächen sind beeindruckend.
Dabei gelingt es ihr, die Beobachtungen und Eindrücke zu sortieren. So wie sie sich in einem Kapitel auf das Wasser und im nächsten auf den Berg konzentriert, schafft sie es, auch ihre Sinne einzeln beobachten zu lassen, was diese von der Welt um sie herum berichten. Und dies, das ist die Kunst, geschieht so natürlich, so selbstverständlich, dass es an ihren Satz vom Umkreisen des Plateaus erinnert. In jedem Kapitel fügt sie einen neuen Eindruck, einen weiteren Sinn hinzu. So entsteht Schicht für Schicht ein vielfarbig schillernder Eindruck der Cairngorms.

Übersetzung
Auf Seite 136 muss ich mich ärgerlicherweise erneut mit dem Thema Übersetzung beschäftigen. Mitten im Satz steht das Wort „forbye“. Dazu ein Sternchen, welches auf den Anhang mit den Anmerkungen der Übersetzerin hinweist. Dort findet sich dann der Hinweis, dass dieses Wort im Schottischen für „beides“ oder „außerdem“ steht. Was war jetzt an dem Satz so schwer, dass es nötig war, den Leser zu bitten, sich selbst um das genaue Verständnis zu kümmern?
Ja, es steckt viel drin in dem einen Wort forbye, aber muss man es deshalb mit einem Sternchen versehen und der Leser darf im Anhang selbst herausfinden, wie es hätte übersetzt werden können? Ist nicht genau dies die Aufgabe einer Übersetzerin? Abzuwägen, welche feinen Nuancen die möglichen Übersetzungen unterscheiden und daraus einen vollständig neuen Satz der anderen Sprache zu gestalten, der das wiedergibt, was die Autorin sagen wollte. Auch wenn vielleicht ein oder zwei Worte mehr nötig sind als im Original. Auch wenn vielleicht Worte nicht in ihrer Standardbedeutung verwendet werden.  
Ich wünsche dem Buch auf jeden Fall eine bessere Übersetzung. Eine, bei der die Übersetzerin bei schwierigen Worten den Leser nicht in den Anhang schickt, damit er sich dort die Bedeutung selbst erarbeitet. Die Sätze von Nan Shepherd sind oft lang und verschlungen. Vielleicht müssen sie teilweise mehr übertragen als übersetzt werden, damit sie in einer anderen Sprache die gleiche Kraft entfalten.
Oft wenn ich das englische Original höre und dabei den deutschen Text mitlese, wirkt das deutsch der langen und verschlungenen Sätze hölzern und stolpernd, während das englische die Worte zum Klingen bringt.

Das Buch enthält Nan Shepherds Berggedanken  
Etwa 30 Jahre, ein Vierteljahrhundert lang lag das Manuskript in der Schublade und ist doch bei der Veröffentlichung 1970 so aktuell wie 1940. Ja, es ist auch 2020 immer noch aktuell, was Nan in ihren Berggedanken formuliert hat.
„Für jemanden, der die Berge zu jeder Jahreszeit liebt, ist die Blütezeit nicht das Schönste am Heidekraut. Das Schönste ist einfach, dass es da ist – es unter den Füßen zu spüren. Heidekraut unter den Füßen zu spüren nach langer Abwesenheit, ist eine der größten Freuden, die ich kenne.“
Fast kommt mir das Buch vor wie ein Gartenausflug. Größer als die Gärten der fast gleichaltrigen Virginia Woolf (1882 – 1942) oder Beatrix Potter (1866 – 1943), aber genauso detailreich und kenntnisreich beschrieben. Nan Shepherds (1893 – 1981) Garten ist viele Kilometer groß und sehr steinig. Sie pflanzte und pflegte dort nichts. Sie beobachtete und lebte mit der Landschaft. Der ideale Naturgarten.
„Hier also könnte man ein Leben der Sinne leben … so unberührt von jeder anderen Art der Erkenntnis, dass man sagen könnte, der Körper denke“
Ist es das, was mich so aufatmen lässt, wenn ich die Büroarbeit in der „lebendigen“ Stadt hinter mir lasse und in der „kargen“ Natur ankomme? Selbst die auf den ersten Blick steinige und leblose Natur des immer wieder neu beschriebenen Hochplateaus der Cairngorms bietet mehr Eindrücke für die Sinne als jede quirlige Stadt.  
„Es muss viele aufregende Eigenschaften der Materie geben, die wir nicht kennen, weil wir keine Möglichkeit haben sie kennenzulernen.“
Viele Jahre Lebenserfahrung und endlose Kilometer an Wanderungen stecken in diesem schmalen Band

„Ich habe also das gefunden, wofür ich aufgebrochen war.“  
Der Satz fasst die letzten eineinhalb Seiten gut zusammen. „So I have found what I set out to find.“
Es ist das Gegenstück zu ihrem im ersten Kapitel gefassten Plan: ”And it is to know its essential nature that I am seeking here. … This is not done easily nor in an hour. A tale too slow for the impatience of our age, not of immediate enough import for its desperate problems.“
Nan Shepherd ist am Ende ihrer Reise angekommen. Und sie hat es geschafft, mich mitzunehmen. Ich kenne die Cairngorms schon jetzt, obwohl ich noch nie dort war. In einer langen Autoschlange rollte ich einst von Dalwhinnie nach Aviemore, ohne zu verstehen, weshalb es keine andere Route Richtung Norden gab. Den Weg von Braemar nach Aberdeen fand ich nur langweilig und wusste nicht, dass ich den wirklich interessanten Teil schon verpasst hatte und nicht mit dem Auto erreichen konnte. Beim nächsten Besuch werde ich mehr Zeit und feste Wanderschuhe mitbringen.

[1] Alle deutschen Zitate nach: Nan Shepherd „Der lebende Berg“, Matthes & Seitz Berlin; 1. Auflage 2020.  
[2] Alle englischen Zitate nach: Nan Shepherd „The living mountain“, Canongate Books Ltd; Main Edition, 2019.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.