Henry David Thoreau „Walden oder Ein Leben in den Wäldern“

Ich vermute einmal, dass fast jeder, der sich mit Themen wie „Leben mit der Natur“ beschäftigt früher oder später auf Henry David Thoreaus „Walden oder Ein Leben in den Wäldern“ trifft. Jedes Mal wenn mir in den letzten 10 Jahren dieses Buch begegnet ist, wurde eine andere Facette vorgestellt aber letztlich war es immer Begeisterung und Hochachtung für Henry David Thoreau, die aus den Kommentaren sprachen. Wobei, ich muss sogar noch weiter zurück gehen als 10 Jahre. Zum ersten Mal gehört von diesem Buch und seinem Autor habe ich in dem Kinofilm „Der Club der toten Dichter“ von 1989. Oh Mann, ist das lange her! Nachdem nun auch noch Andrea Wulf in ihrem Buch über Alexander von Humboldt ein eigenes Kapitel über Thoreau eingefügt hat, dachte ich „jetzt ist es endlich Zeit dieses Buch selbst zu lesen und nicht nur immer wieder davon zu hören“.

Thoreau, das ist als allererstes der Typ, der sich eine Hütte im Wald gebaut hat und zwei Jahre alleine an einem See, dem Walden-Teich, lebte. Daher auch der Name des Buches. Ist nicht alleine schon das für die allermeisten Menschen ein Traum? Einfach mal so zwei Jahre seine Ruhe haben und der Natur lauschen. Das mit der Natur und dem Lauschen funktionierte in Thoreaus Hütte wunderbar, sie hatte nämlich anfangs keine Tür. Später stand sie Tag wie Nacht offen und wenn Thoreau am Morgen erwachte, dann lief durchaus ein Eichhörnchen durch seine Hütte oder verschiedene Vögel flatterten umher.

Obwohl ich nun zwei ausführliche Beschreibungen des Lebens von Henry David Thoreau gelesen habe, ist mir nicht wirklich klar, von was der Mann gelebt hat. So lebte er diese „berühmten“ zwei Jahre lang in seiner Hütte. Weiter wird beschrieben, dass er einige Zeit später anfing die Natur wie ein Wissenschaftler zu betrachten und auf seinen täglichen Spaziergängen (die den ganzen Nachmittag dauerten) alle Beobachtungen genau notierte. Aber woher er das wenige nahm, das er selbst brauchte (Nahrung, Kleidung) bleibt für mich unklar. Gerade dies sind die Dinge, die ich lernen möchte. Ich gönne es jedem, der in der glücklichen Lage ist, zwei Jahre Ferien in einer Holzhütte zu machen. Ich aber möchte lernen dies auch zu tun. Mir ist klar, dass nicht alles, was vor 200 Jahren funktionierte heute auch noch taugt – doch wer weiß, manches wird auch noch aktuell sein.

Als ich das Buch dann tatsächlich anfange zu lesen bin ich erst einmal ernüchtert. Ich erfahre weder, was ich als Selbstversorger alles brauche, um mein Leben zu sichern noch wimmelt es von philosophischen Einsichten. Mir wird klar, dass ich immer nur über dieses Buch gelesen habe und dass jede der verschiedenen Moderichtungen der letzten Jahrzehnte dieses Buch in seine eigene Richtung interpretiert hat. Mal waren es Schüler in einem Kinofilm, die gerade die Literatur der Romantik entdeckten, mal Zurück-zur-Natur-Begeisterte, die in der Reduktion auf das Wesentliche ihren Weg erkannten und ein drittes Mal Reformköstler, die in Thoreau einen frühen Verfechter des Vegetarismus definierten. Mittlerweile ist es fast 200 Jahre her, dass Thoreau in seiner Hütte saß und einfach nur jeden Tag aufschrieb, was er so erlebte und dachte. Er spricht in der Sprache seiner Zeit und beschäftigt sich mit den Themen seiner Zeit, zum Beispiel der Sklaverei in den USA, die zwischen den nördlichen und den südlichen Staaten umstritten war.

Es sind vor Allem einzelne Perlen, die aus Thoreaus Walden hervorleuchten. Sätze wie „Um ein Philosoph zu sein, muss man ein einfaches Leben führen“. Gleichzeitig schreibt er sehr sprunghaft. Das endgültige Buch ist die vierte oder gar siebte Überarbeitung der Gedanken, die Thoreau in seiner Zeit am Walden notierte. Trotz dieser zahlreichen Überarbeitungen, bleibt der Eindruck, es handelt sich um eine Sammlung von Notizen und Gedanken. In einem Absatz beschreibt er zum Beispiel, wie der Körper Nahrung in Wärme umsetzt und im nächsten Absatz beklagt er den Verlust seines Hundes. Schimpft er in einem Satz über die Menschen, die unter der Last ihrer Pflichten stöhnen, so nennt er sich selbst zwei Seiten später einen „selbstangestellten Inspektor der Schneestürme, der getreulich seien Pflicht tut“.

Immer wieder wird deutlich, wie sehr er ein Kind seiner Zeit ist. Vieles, das heute selbstverständlich ist, war vor 200 Jahren noch unbekannt. Sätze wie „ Nach Liebig (Justus von Liebig, 1803 – 1873, Chemiker und Universitätsprofessor in Gießen und München) ist des Menschen Körper ein Ofen und Nahrung die Feuerung. Die Wärme ist das Produkt einer langsamen Verbrennung, und Krankheit und Tod treten ein, wenn sie zu rasch von statten geht oder aus Mangel an Feuerung das Feuer erlischt.“ zeigen wie das damalige Verständnis von Medizin und Physiologie war.

Was Thoreau so besonders macht und ihn zum Voraus-Denker werden lässt ist, dass er beginnt die Natur nicht nur als mechanisches Werkzeug zu verstehen und beginnt Alles zu Allem ins Verhältnis zu setzen. Humboldt ist einer der ersten der dies tut und Thoreau bezieht sich gerade in diesem Punkt immer wieder auf ihn. Bei all der Globalisierung ist es uns heute gar nicht mehr bewusst, welch Entdeckung es damals war, dass überall auf dem Globus in 2000 Meter Höhe ähnliche Pflanzen wachsen (sehr vereinfacht dargestellt) oder dass die Abholzung eines Waldes, um Ackerland zu gewinnen, einen Einfluss auf alle anderen Pflanzen und Tiere dieser Region hat.

Sowohl Andrea Wulf als auch Wilhelm Nobbe, der die Einleitung zu meiner Ausgabe von Walden geschrieben hat, sind für mich mittlerweile in erster Linie Übersetzer in mehrfachem Sinne. Sie schaffen es, sich so intensiv in den Autor und seine Zeit hinein zu denken, dass sie erkennen, was das Besondere an diesen Zeilen ist. Dieses Besondere übertragen sie dann in Worte, die für als heutigen Leser verständlich sind. Thoreaus Walden wird von Andrea Wulf dabei durchaus als eine Antwort und eine Weiterführung von Humboldts Hauptwerk „Kosmos“ verstanden.

Mich beeindruckt an der näheren Betrachtung solche historischer Begebenheiten auch immer wieder das, was Jahrzehnte später erst Bedeutung erlangt. So war Thoreau zum Beispiel mit dem Schriftsteller Nathaniel Hawthorne bekannt oder gar befreundet. Herman Melville wiederum widmete sein epochalen Roman Moby Dick eben diesem Nathaniel Hawthorne. Dies alles zu einer Zeit, als die US-amerikanische Gesellschaft noch immer im Werden war. So wird Hawthorne als einer der ersten US-amerikanischen Schriftsteller bezeichnet. All dies war für Thoreau und Hawthorne damals nicht sichtbar und ist erst für uns heute von Bedeutung. Vielleicht waren es einfach nur Kumpels, die bei einem Glas Wein über die Welt von Morgen geplaudert haben. Was wird aus uns einmal geworden sein? Wird vielleicht in 100 Jahren ganz selbstverständlich unser Abiturphoto in Wikipdia zu finden sein, weil zwei unserer Schulkameraden den Nobelpreis für ein plastikfreies Meer bekommen haben? Wer weiß…

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