In welchen Schuhen steht Dein Leben?

Im allgemeinen Gewusel des Ankommens und Begrüßungskaffees der Firmen-Jahrestagung gerate ich in ein kurzes Gespräch mit einem neuen Kollegen. Nach den ersten zwei Sätzen zeigt sich jedoch, dass es gar kein Kollege ist, sondern der Referent des sogenannten Impuls-Vortrages. Eines Vortrages, den in der Regel ein externer Referent zu einem scheinbar abwegigen Thema hält. Der Clou ist es, das Fremdartige des externen Referenten und das auf den ersten Blick unpassende Thema so zu kombinieren, dass der Zuhörer einen Anstoß (einen Impuls eben) bekommt sein eigenes Thema von einer neuen Perspektive aus zu betrachten. So habe ich wenigstens das mit den Impuls-Vorträgen immer verstanden. Und mir haben diese Vorträge aus genau diesem Grund bisher gut gefallen.

Als ich als einer der Letzten einen Platz im Saal suche, stolpern meine Augen über eine große, fast geschlossene Fläche aus dunklen Anzügen. Sind wir tatsächlich eine so uniforme Firma? Wie mag der Referent mit den Augen des Außenstehenden diese Gruppe wahrnehmen: Förmlich? Elegant? Traditionell? Leicht angestaubt?

Als der Referent beginnt, macht er es leider eher schlecht. Nach einigen wirren Absätzen seines Vortrages kehre ich zu meinen eigenen Gedanken zurück. Was bedeutet es, hier in dieser grau-förmigen Gruppe zu sitzen? Ich nehme mir vor, diesen Eindruck mit einigen meiner Kollegen zu besprechen und sie zu fragen, wie sie diese Situation wahrgenommen haben. Ich bin überrascht, dass ich nun, zusammen mit einigen besonders extrovertierten Außendienst-Kolleginnen in lebendig farbigen Kleidern, eine Gruppe der nicht gedecktgrauen Farben bilde.

Ich hatte mich vor der Abfahrt recht kurzfristig entscheiden müssen, welche Vielfalt an Kleidung bzw. Menge an Gepäck ich mitnehme. Mit diesem Ansatz habe ich mich dann für ein „All-in-One Outfit“ entschieden, also einen Kleidungsstil, der zur Tagung mit gemeinsamem Grillfest am Abend gleichermaßen passt wie zur möglichen Autopanne während der 3-stündigen Anreise.

Während ich nun hier sitze – im edlen, aber roten Leinenhemd und verlässlichen Jack Wolfskin Schuhen – machen mir besonders die Schuhe den Unterschied zu den anderen Führungskräften deutlich. Mir wird klar, dass die Schuhe metaphorisch gesprochen, das sind, was mich mit dem „Boden der Tatsachen“ verbindet. Was ist das für ein Boden, auf dem ich stehe?

Einfach zu verstehen und zu greifen (ganz wortwörtlich) ist es der Boden, auf dem ich physisch mit meinen Füßen stehe. Für mich ist das als Erstes die Erde in meinem Garten und die Feld- und Waldwege der Hundespaziergänge. Ausgehend von der Gartenerde besteht der gedankliche Boden aus Dingen wie naturnahem Leben, selbstgefertigten Produkten und einem Lebensrhythmus, der Zeit lässt dem Erlebten nach-zudenken anstatt die Eindrücke immer schneller-höher-weiter aufzutürmen. All das ist es, das den Boden, auf dem ich physisch und mental stehe ausmacht. Auf diesem Boden lebe ich und entwickele meine Sicht der Dinge um mich herum.

Mit diesem bewussten Wissen um meinen ganz persönlichen „Boden der Tatsachen“ ist es letztlich völlig gleich, ob ich die gleichen eleganten Marken-Anzüge trage, wie die Kollegen. Die Frage hinter den Dingen ist also viel mehr, ob die Art und Weise, wie ich auf dem Boden meiner Tatsachen stehe, kompatibel ist zu dem, wie die Menschen um mich herum, mit ihren Füßen im Leben stehen. Und in Bezug auf die Tagung auf der ich das schreibe: Ist die Art und Weise, wie ich auf dem Boden meiner Tatsachen stehe, kompatibel mit der Zielrichtung, die das Unternehmen, für das ich arbeite, vorgibt?

Wenn das so ist, kann ich leichtfüßig mithalten, auch wenn meine Schuhe nicht zu denen der grauförmigen Kollegen passen. Aber wenn das nicht so ist, werde ich nach dem Arbeitstag erschöpft und innerlich zerrissen die Firma verlassen – auch wenn ich noch so viel Geld in den Nomos-Stil des Middle-Managements investiere.

Das ist der Anstoß, den ich heute aus meinen eigenen Impuls-Gedanken mitnehme: Stimmt der gedankliche Boden, auf dem ich stehe, mit den Tatsachen und der Richtung des Unternehmens überein, für das ich arbeite?

JA? Dann her, mit dem Mut zur Farbe und der Andersartigkeit!

NEIN? Wo ist der Weg, der zu dem Leben in meinen Schuhen passt?

MG 2016_04

4 Gedanken zu “In welchen Schuhen steht Dein Leben?

  1. Ein Rat an den Berater

    Du trägst den blank polierten Schuh
    Und blökst Dein trügerisches Muh
    Vom alten Lied der neuen Melodie.

    Dem Geld geneigtem Krämerchor
    singst Du in Nadelstreifen vor
    den Mammonsang mit falscher Kehle
    dem fehlt so sehr des Menschen Seele
    Lebendigkeit erreicht er nie.

    Verdorr nicht Deine Sternenstaude
    Auf dem mit Trug gepflügten Acker
    Bewehre Deinen Zweck mit Stolz
    Dem Sohlendreck vertraue wacker
    Der nährt das Feld des Menschenwerdens
    Denn alles Blüh’n entspringt der Erde
    und jedes bunte Edelholz

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    • Liebe Gartenkuss, es freut mich, dass Dir diese untypische Gartengeschichte gefällt! Schön Dich als regelmäßige Leserin hier zu wissen! Ich merke immer wieder, wie viel ich am/im Garten an Zusammenhängen lernen und verstehen kann, die in anderen Bereichen ebenfalls gelten. Mittlerweile stelle ich die Frage dann oft umgekehrt: Würde das im Garten funktionieren? Wenn Nein, dann macht es auch in meinem Büro-Beruf keinen Sinn so zu handeln. Uhle

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      • So habe ich deine Geschichte auch verstanden, und so halte ich es auch. Manchmal bewusst und durchdacht, manchmal intuitiv. Ich merke, dass es auf diese Art und Weise für mich persönlich passt. LG zum Wochenende von gartenkuss 🙋☀🐝

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